Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.10.2009
Lippels Traum
Ein Hoch auf die Fantasie
Der elfjährige Lippel ist nicht zu beneiden. Sein Vater, mit dem er sich gut versteht, befindet sich auf Reisen, die Haushälterin entpuppt sich als hinterhältiger Kinderschreck, und auch in der Schule hat Lippel Probleme. Trost findet er in einem Buch, das ihm sein Vater geschenkt hat: Märchen aus 1001 Nacht. Fasziniert verwebt Lippel aktuelle Misere und orientalische Traumwelten: Sein Vater wird zum liebenswerten König, dessen Kinder - Lippels neue marokkanische Mitschüler Hamide und Arslan - die böse Tante verbannen lässt. Und auch der herrenlose Hund, den Lippel heimlich aufgenommen hat, spielt eine Rolle.
Im Unterschied zu Michael Endes "Unendlicher Geschichte", die auch die Versuchung thematisiert, sich zu sehr in Traumwelten zu verlieren, ist Paul Maars Jugendbuch "Lippels Traum" ein einziger Lobgesang auf die Kraft der Fantasie: Der etwas schüchterne Held entwickelt erst Strategien, seinen Alltag zu bewältigen, nachdem er sich in der Fantasiewelt bewährt hat.
Erstaunlicherweise ist den Machern des Films die Darstellung der Realwelt weitaus besser gelungen als die der orientalischen Traumwelt. Anke Engelke als leicht sadistische Haushälterin ist mit ihrer zickigen Dominanz und ihrer schrillen pädagogischen Willkür der typische erwachsene Kasper, den Kinder lieben, weil sie genau wissen, dass die Bestrafung dieses Subjekts am Ende zelebriert wird. Dagegen wirken die in Marokko gedrehten Märchensequenzen, trotz Wüstensturm und archaischen Familiendramas, richtiggehend langweilig. Die Produzenten haben wohl eher auf ein junges Publikum als Zielgruppe geschielt - und so ist aus dem erfolgreichen Jugendroman ein passabler Kinderfilm geworden.
Klaus Friedrich
08.10.2009 - aktualisiert: 08.10.2009 10:53 Uhr