Viele Bahnen fahren zum Volksfest, viele Fahrgäste steigen bereits bei den Mineralbädern aus. Man spart eine Tarifzone und wird für den Fußmarsch zudem fürstlich entlohnt: In der Dämmerung und bei Nacht spiegeln sich die Lichter des Riesenrads im Neckar, tanzen auf der Oberfläche wie Irrlichter und vermitteln so mehr Leichtigkeit als alle technisch hochgerüsteten Fahrgeschäfte auf dem Wasen zusammen.
Dabei liegt der Fluss dort wie an vielen anderen Stellen starr in seinem Korsett, kann weder springen noch überschäumen. Trotzdem wirkt er selbst an verkehrsumtosten Stellen beruhigend und besänftigend. An der Wilhelmsbrücke in Bad Cannstatt zum Beispiel, wo das Wasser das Licht reflektiert und selbst rußgeschwärzte Häuserfassaden gnädig schönfärbt. An manchen Tagen sitzen dort reihenweise Möwen auf der Kaimauer. Sie richten, wie ferngesteuert, ihre Schnäbel alle in die gleiche Richtung aus und zeigen dem Verkehr die kalte Schulter.
Seltsamerweise ruhen die Tiere hier ihre Schwimmfüße meist im Frühjahr und Sommer aus. Vielleicht schielen sie auf die Picknickplätze direkt am Wasser hinab, wo Familienclans mit dem Einkaufstrolli Getränke hinschaffen und kalte Büfetts aufbauen. Es könnte ja was abfallen! Passanten müssen darauf nicht warten. Gegenüber liegt das Theaterschiff vor Anker, bringt die Funktion des Neckars in Erinnerung und verköstigt Gäste.
In den ersten Wochen in Stuttgart dachte ich, dass man spätestens hinterm Max-Eyth-See von der Erdscheibe fällt. Inzwischen habe ich mich bis zur Hofener Schleuse vorgewagt und bin froh darüber. Sonst hätte ich die steilen Hänge der Wengerter und den kleinen Hafen für Freizeitkapitäne nie gesehen. Auch dort bringt das Licht Laub und Boote zum Leuchten, fast so wie in Kalifornien.