Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 15.10.2009
Das weiße Band
Wie Kinder von Natur aus nicht sind
Jungs sitzen im Jahr 1913 am sommerlichen Teich im Gras. Einer hat eine Flöte gebastelt und spielt eine Melodie, einem anderen gelingt nicht einmal die Herstellung. Gespenstisch wirkt die Idylle, Aggression liegt längst in der Luft, als der zweite wortlos aufsteht, dem ersten die Flöte entreißt und ihn ins Wasser wirft. Ein kurzer Ausbruch in Michael Hanekes neuem Film, der ahnen lässt: Da brodelt viel Schlimmeres.
Auf die Frage, wie es zur Nazi-Diktatur kommen konnte, gibt es gängige Antworten: den als ungerecht empfundenen Versailler Vertrag, die hohe Arbeitslosigkeit im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929, die fehlende demokratische Tradition in Deutschland; eher selten wird über den Einfluss brutaler Erziehungsmuster einer autoritären Gesellschaft gesprochen, die aus Kindern gewalterprobte Persönlichkeiten formte - die sich später womöglich leichter damit taten, als Schergen des Regimes Menschen auf Waggons zu laden und ins Gas zu schicken.
Dass sich Haneke des Themas angenommen hat, ist folgerichtig: Wie kein anderer widmet er sich dem Wesen menschlicher Gewalt. In "Benny's Video" (1992) tötete ein junger Mann ein Mädchen, um zu sehen, wie das ist, und filmt die Tat, in "Funny Games" (1997) drangen zwei gepflegte junge Männer in Wochenendhäuser ein, um Menschen zu terrorisieren und umzubringen.
Nun also die protestantische norddeutsche Provinz des Jahres 1913, wo seltsame Dinge vor sich gehen: Der Arzt stürzt vom Pferd, weil jemand ein Stahlseil gespannt hat, der Sohn des Barons, von dessen Gut alle abhängen, wird misshandelt, der Pfarrer findet seinen Vogel tot auf dem Schreibtisch, aufgespießt mit der Schere. Die Suche nach Tätern bleibt ergebnislos, egal wie selbstherrlich die Patriarchen das große Wort führen.
Diese Männer nehmen sich, was sie wollen, sie belohnen und strafen, wie es ihnen passt. Die Frauen dürfen allenfalls um Milde flehen, meist ohne Erfolg. Die Kinder siezen züchtig den "Herrn Vater", reichen artig die Hand und geben brav Auskunft, wenn sie gefragt werden. Kurz: Sie sind so, wie Kinder von Natur aus nicht sind.
Der Pfarrer bindet die Hände des Sohnes ans Bettgestell
Warum das so ist, schleicht sich allmählich ins Bewusstsein. Der Pfarrer (Burghart Klaußner) bindet dem pubertierenden Sohn nachts die Hände ans Bettgestell, um ihn vor sündigen Akten zu bewahren. Er verdrischt zwei Kinder, weil sie zu spät zum Essen kommen, und versieht ihre Arme mit weißen Bändern als Läuterungshilfen. "Eure Mutter und ich werden eine schlechte Nacht haben, denn es schmerzt uns noch mehr als euch, dass wir euch so bestrafen müssen", sagt er - ein Beispiel dafür, wie akkurat Haneke den Ton einer Zeit getroffen hat, in der kultiviertes Getue dazu benutzt wurde, Barbarei zu kaschieren.
Der Arzt (Rainer Bock) hat eine seltsame Beziehung zu seiner Tochter, die seiner verstorbenen Frau ähnelt, der Baron (Ulrich Tukur) tut sozial, schert sich in Wahrheit aber einen Dreck um die Hungerleider, die ihn umgeben. Und der naive Lehrer (Christian Friedel) darf seine Liebste nicht heiraten, weil deren Vater willkürlich entscheidet, das gehe frühestens in einem Jahr - "wenn sie sie sich dann immer noch einbilden".
Haneke hat seine Protagonisten zu großen Leistungen gebracht. Er zeigt eine gnadenlose Gesellschaft in emotionaler Vereisung, in der nur die polnischen Saisonarbeiter richtig feiern können. Das herrschende Wertesystem spiegelt sich permanent im Schwarz-Weiß der Bilder, und die Kamera blickt wie suchend auf eine menschenleere Landschaft, die daliegt wie tot, schreiend überbelichtet. "Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch keinem geschadet" ist ein Satz, der übrig geblieben ist aus dieser Zeit, in der viele Männer Kinder hassten und trotzdem reichlich davon hatten. Pädagogisch ist er längst widerlegt; Haneke macht nun fühlbar, wie zynisch er wirklich ist. Dafür hat er in Cannes 2009 zu Recht die Goldene Palme bekommen.
Bernd Haasis
15.10.2009 - aktualisiert: 15.10.2009 12:45 Uhr