Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom 16.10.2009
Stetten. Mit einer "Spur der Erinnerung" wird der Opfern von Euthanasie während des Nationalsozialismus gedacht. Von Brigitte Hess
Diese "Spur der Erinnerung" wird flankiert von fast 100 Begleitveranstaltungen, die an das grausame Geschehen vor 70 Jahren erinnern. Eine davon fand am Dienstagabend im vollbesetzten Wildermuth-Saal der Diakonie Stetten statt. Maike Rotzoll, Fachärztin für Psychiatrie und Medizinhistorikerin an der Uni Heidelberg, hatte ihren Vortrag unter den Titel "Das Vergessen der Vernichtung ist ein Teil der Vernichtung selbst" gestellt. Sie hat mit einer Arbeitsgruppe von Medizinern und Historikern den Lebensgeschichten einiger der Ermordeten nachgespürt und ein Buch über ihre Untersuchungen veröffentlicht.
Nach Kriegesbeginn 1939 waren etwa 400 Behinderte aus der zu nahe an der Westfront gelegenen Anstalt Kork bei Kehl nach Stetten gebracht worden. Von hier wurden sie, gemeinsam mit 330 Behinderten aus der Anstalt Stetten, in den Jahren 1940 und "41 nach Grafeneck gebracht und dort vergast.
Die Behinderten waren die erste Minderheit, die von der Vernichtung bedroht war. Mit Hilfe von Meldebögen wurden die Patienten "sortiert", dort mussten Rasse, Erblichkeit der Erkrankung, Arbeits- und Leistungsfähigkeit, soziale Auffälligkeiten und das Verhalten in der Anstalt eingetragen werden. "Es ist auffällig, dass eher arbeitsunfähige, eher aufsässige oder schwierige Patienten und eher Frauen als Männer der Euthanasie zugeführt wurden", zeigt Maike Rotzoll an Hand von Diagrammen. Bei mehr als 50 Prozent der Opfer war Schizophrenie diagnostiziert worden.
Im Innenministerium wurden dann die Listen für die Vernichtung zusammengestellt. "Die Anstalt hatte die Möglichkeit, Patienten zu streichen - aber dafür mussten andere eingesetzt werden", so erklärte die Referentin die perfide Vorgehensweise. Die Busse nach Grafeneck fuhren nur voll besetzt. Exemplarisch schilderte die Referentin zwei Einzelschicksale, viele Zuhörer empfanden dies als besonders bewegend.
Rund 70 000 Akten der Vernichtung verschwanden, eine anderer Teil tauchte nach der Wende 1990 in einem Stasi-Archiv auf. 3000 davon hat das Team um Maike Rotzoll untersucht. Deutschlandweit waren in insgesamt sieben Vernichtungsanstalten mehr als 70 000 psychisch kranke und geistig behinderte Männer, Frauen und Kinder vergast worden, bis 1941 auf Proteste der katholischen und evangelischen Kirche die systematischen Tötungen von Anstaltsbewohnern eingestellt wurden. Spontane Deportationen gab es aber weiterhin.
In der anschließenden Diskussionsrunde berichtete unter anderem ein ehemaliger Mitarbeiter der Diakonie Stetten von seinem persönlichen Erleben einer Rettung: Einer Mutter sei es gelungen, ihren behinderten Sohn mit Hilfe von Christen bis nach Spanien zu bringen und damit zu retten.
Info: Das Buch der Arbeitsgruppe um Maike Rotzoll "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst" erschien im Wallenstein-Verlag und ist im Buchhandel erhältlich.
16.10.2009 - aktualisiert: 16.10.2009 06:01 Uhr