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Neue Musik

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!

Donaueschingen - Mit den beiden großen Kollektiven des Konzertlebens, dem Orchester und dem Publikum, beschäftigten sich die ersten beiden Tage von Deutschlands renommiertestem Neue-Musik-Festival. Die Komponisten Mathias Spahlinger und Manos Tsangaris scheiterten mit gutem Grund und großer Wirkung.

Ja, wo steht er denn? Wo steht der Dirigent, wo ist sein Pult, wo sein Podest, sein Thron? Bei der Eröffnungsveranstaltung der Donaueschinger Musiktage am Freitag sind die Musiker des SWR-Sinfonieorchesters ganz allein. Sie blicken auf Notenblätter ohne Noten, auf Monitore mit Zahlen. Gemeinsam bewegen sie sich behutsam und oft sehr leise, unterschiedliche Tempi werden zusammengebracht und tröpfeln dann wieder auseinander. Den autoritären Befehlshaber mit Taktstock hat Mathias Spahlinger (65) in seinen neuen Orchesteretüden "doppelt bejaht" abgeschafft.

Um die Entmachtung des Dirigenten zu rechtfertigen, hat sich Spahlinger, immer noch und immer wieder getragen vom linken Geist der 68er, auf Karl Marx' Schriften besonnen: "Entfremdete Arbeit", so der Komponist, verrichte auch der Orchestermusiker als Mitglied eines durch und durch antidemokratisch organisierten musikalischen Produktionsapparates. "Die dritte Posaunenstimme einer Bruckner-Sinfonie", erklärt er unermüdlich allen, die nachfragen, "lässt, für sich genommen, keinen Sinn erkennen. Sie ist nur Teil eines hoch differenzierten arbeitsteiligen Prozesses - und die Einzelstimme einer komplexen zeitgenössischen Orchesterpartitur ist ebenso traurig."

Die Idee, die musikalischen Facharbeiter am Klangkörper vom Joch einer fossilen bürgerlichen Institution zu befreien und zu künstlerischem Glück durch Mit- oder gar Selbstbestimmung zu führen, ist zwar nicht neu, aber immer wieder bedenkenswert: Schließlich sind die Rezeptionshaltung des Publikums sowie die Organisationsstruktur des Orchesters noch fest in jenen Traditionen und Strukturen des 19. Jahrhunderts verhaftet, welche die Kunst selbst schon längst überwunden hat.

Leicht ist diese Befreiung allerdings nicht: Musiker, die das Gehorchen gewohnt sind, müssen erst lernen, wie sie Individuelles in ihre Klangproduktion einbringen können - und eigene Zeitstrukturen, Farben und Gestaltungsmuster gegen andere zu setzen erfordert weitaus mehr Übung und Erfahrung als das Schwimmen im kollektiven Klangstrom. Dass das Orchester aus Freiburg und Baden-Baden Übung und Erfahrung in Fülle besitzt, hört, sieht und bewundert, wer bei der Uraufführung an den Musikern vorüberschreitet. Denn das Publikum hatte der Komponist praktischerweise gleich mit befreit, so dass jeder Besucher bleiben und gehen kann, wie es ihm beliebt.

Allerdings macht das vierstündige Orchester-Ereignis trotz vieler schöner Klangmomente nicht glücklich. Spahlingers Konzept, dessen tiefer Ernst einen wehmütig zurückdenken lässt an den Spielwitz ähnlicher Experimente etwa von Vinko Globokar oder Dieter Schnebel, geht nicht auf: Ohne klare Vorgaben kommt auch dieser Abend nicht aus (nur ersetzte hier eben der Komponist den Dirigenten).

In den Aktionen der Musiker sind deutliche Hierarchien spürbar, und - am entscheidendsten - aus dem interessanten Demokratisierungsversuch wird keine interessante Kunst.

Zurück bleibt ein Orchestermusiker, der im Gespräch offensiv seinen totalen Mangel an Befreiungsbedürfnis bekundet. Und zurück bleibt vor allem das Konzept. Dieses Schicksal teilt "doppelt bejaht" mit der "Installationsoper" des 53-jährigen gebürtigen Düsseldorfers Manos Tsangaris, der heute als Kompositionsprofessor in Dresden lehrt.

Dabei hat Tsangaris mit "Batsheba. Eat The History" den durchaus spannenden Versuch einer Aktivierung des Zuschauers unternommen: Als Betrachter und Zuhörer von sieben Szenen, die im Laufe von 24 Stunden an mehreren Orten in Donaueschingen gezeigt werden, soll sich dieser seine Geschichte selbst zusammensetzen; so, denkt der Komponist, wird aus kollektivem Erleben ein individuelles Empfinden.

Ganz so einfach funktioniert das allerdings nicht. Warum nicht? Das lesen Sie in unserer Printausgabe (19. Oktober).
 

Susanne Benda

18.10.2009 - aktualisiert: 18.10.2009 18:42 Uhr

 



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