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Meine Straße: Pfarrstraße

Geballte Schattenseiten der Großstadt

Foto: Hörner

Beate Schickler und die Pfarrstraße als Schnittstelle zwischen Leonhards- und Bohnenviertel in Stuttgart-Mitte
 

Höchstens für zwei Stühle ist oben auf der winzigen Dachterrasse Platz. Gerne steigt Beate Schickler mit einer Tasse Cappuccino die Stufen ins fünfte Stockwerk hinauf und lässt den Blick über die Dächer des Bohnenviertels schweifen, hinüber zur Karlshöhe und zum Bismarckturm. Kein Kindergeschrei, kein Autolärm, kein Essensgeruch dringt hier hinauf - sie genießt einfach nur die Ruhe. Oft werden dann Erinnerungen an ihre Kindheit wach, als sie mit dem Puppenwagen durchs Bohnenviertel spazierte, mit den Rollschuhen den Katharinenbuckel hinuntersauste oder später vom Mäuerchen der Jakobsschule aus ihrer Mutter hinüberwinkte. "Das war eine idyllische Zeit." Lange ist es her.

Wenn man heute die knapp 200 Meter lange Pfarrstraße vom Dönerstand bis zum Antiquitätenladen entlangschlendert, schlägt das urbane Leben voll zu: Auf der Bank am Nachtwächterbrunnen, in dessen Laterne die erste elektrische Beleuchtung im öffentlichen Straßenraum Stuttgarts brannte, schläft ein Penner seinen Rausch aus. Oben an der Katharinenstraße stehen die jungen Mädchen und warten auf Freier. Rechts thront das Züblin-Parkhaus, davor die Halfpipe, der Fußball-Käfig, ein Spielplatz.

Links zieht sich eine uneinheitliche Häuserreihe mit einem Mix von heruntergekommenen und herausgeputzten Fassaden entlang. Die Pfarrstraße ist die Schnittstelle zwischen Leonhardsviertel und Bohnenviertel: Seit Jahren dümpelt sie zwischen dem Schmuddel-Charme des Milieus und der kreativen Szene in der Wagnerstraße dahin.

Das Jugendstilgebäude Nummer 15 mit den Initialen ES auf der Sandsteinfassade und dem goldgerahmten Schild "Eugen Schickler, Schlosserei, gegründet 1862" fällt ins Auge. 1907 baute der Großvater von Beate Schickler das Wohnhaus, die Werkstatt der Schlosserei ist bis heute im Hinterhaus untergebracht. Im Krieg blieben die Gebäude wie durch ein Wunder unbeschädigt. Auf der anderen Straßenseite " lagen nur Trümmerberge", erinnert sich die 62-Jährige. "Zwischen denen sind wir als Kinder herumgeklettert." Später legten sich die Eltern einen kleinen Gemüsegarten zwischen dem Schutt an.

Geboren ist Beate Schickler 1947 in der Brunnenstraße, die später den Namen Pfarrstraße erhielt. Die ursprüngliche Pfarrstraße verlief auf dem heutigen Parkhausgelände und führte direkt auf den Chor der Leonhardskirche zu. Als enge Gasse mit verputzten Fachwerkhäusern und "beliebtes Malermotiv" wird sie in der Stadtchronik beschrieben. Im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs wurde sie völlig zerstört - 1957 bekam die Brunnenstraße den Namen Pfarrstraße.

Außer der Schlosserei Schickler gab es damals zahlreiche andere Handwerksbetriebe: eine Schreinerei, eine Flaschnerei, eine Sattlerei, die Schnapsbrennerei, den Gemüseladen, die Pfandleihe und die Wäscherei, wo Klein Beate die steifen Kragen des Vaters hinbringen musste. Heute überwiegen die Pubs und Restaurants. Viele Gastronomen hat die gelernte Buchhändlerin in der Pfarrstraße kommen und gehen sehen: Jüngst musste der starke Attila sein legendäres Lucky Punsch in der Nummer 25, dem ältesten Haus der Straße, schließen. Noch älter ist sicher das Fachwerkhaus "Drei Mohren", doch das wurde von der Friedrichstraße hierher versetzt.

Berührungsängste kennt die kleine, energische Frau nicht. Mit Rüdiger, Andi und Boris vom Bernstein kann sie gut und kehrt dort manchmal ein, auch wenn das Publikum sonst überwiegend männlich ist. Sie sucht den Kontakt, interessiert sich dafür, was in der Nachbarschaft passiert. Früher war das Bernstein eine Spielhalle - und die Polizei im Dauereinsatz. Es gab Schlägereien, Schüsse und sogar einen Toten.

Die Nähe zum Milieu war für die Anwohnerin der Pfarrstraße lange Zeit kein Problem. "Damit bin ich aufgewachsen." Wenn sie als Kind zum Metzger beim Sieglehaus geschickt wurde, dann hieß es: "Geh die Olgastraße lang, nicht durch die Leonhardstraße." Irgendwann wurde ihr klar, wenn die Eltern von den "Schmetterlingen" sprachen, dass sie die Prostituierten meinten. Die Situation spitzte sich dann aber Mitte der 80er Jahre zu, als sich der Straßenstrich in die Pfarrstraße verlagerte und die Freier stundenlang um den Block kurvten. Da nützte der abendliche Vorsatz "ich will nichts hören", mit dem sich die Buchhändlerin sonst einschläfert, nichts mehr. Mit den Huren kamen auch die Drogen und der Alkohol in die Straße. "Drüben auf dem Spielplatz lagen die Spritzen herum." Trotzdem hat Schickler nie ans Wegziehen gedacht, zu viele schöne Erinnerungen hängen an ihrem Elternhaus, verbinden sie mit dem Quartier und mit der Leonhardsgemeinde, in der sie sich engagiert. Sie ist eine Kämpfernatur und will sich mit den Schattenseiten des Großstadtlebens, mit denen sie in geballter Dosis vor ihrer Haustür konfrontiert ist, nicht abfinden. Gemeinsam mit Nachbarn, Freunden und dem Bezirksbeirat Mitte hat sie gekämpft - lange Jahre. Mit Erfolg: Seit zwei Jahren ist die Pfarrstraße in den Abend- und Nachtstunden für den Verkehr gesperrt, die Freier rauben den Anwohnern anderswo die Nachtruhe.

Trotz dieses Erfolgs hat sie sich bei der Bürgerversammlung im vergangenen Jahr ein Herz gefasst und der Stadtverwaltung gesagt, was sie unter Wohn- und Lebensqualität in der Innenstadt versteht. "Ich wünsche mir eine schlichte, gute Architektur, damit auch Leute mit weniger Geld in der Stadt eine Wohnung finden. Keine Schickimicki-Bauten wie das Da Vinci." Sie befürchtet, dass mit solchen großen Bauten die Luftschneisen für die Innenstadt immer mehr zugebaut werden. Sauer stößt Schickler auch auf, dass die Stadt Häuser ans Milieu vermietet.

Von der Hauptstätter Straße ist die Sirene eines Polizeiautos zu hören, dumpf dröhnen die Motorengeräusche. Der ständige Lärm belastet die 62-Jährige mehr als noch vor ein paar Jahren. "Früher gab es Grenzen und Rituale, feste Ruhepausen, die eingehalten wurden", bemängelt sie. Heute geht es nonstop rund um die Uhr: Zum Glück gibt es die kleine Oase auf dem Dach.
 

Birgit Hamm

21.10.2009 - aktualisiert: 21.10.2009 17:30 Uhr

 



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