Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.10.2009
Die Päpstin
Ach ja, das pralle Mittelalter
Volker Schlöndorff ist ein Regisseur, der Frauen in Szene setzen kann: Angela Winkler in Filmen wie "Die Blechtrommel", Bibiana Beglau in "Die Stille nach dem Schuss". In "Die Päpstin" spielt die junge, renommierte Theaterschauspielerin Johan- na Wokalek die Titelrolle.
Sie ist mit ihrem herben Charme eine Idealbesetzung für einen Part, in dem sie über weite Strecken einen jungen Mann zu spielen hat. Und spätestens nach einer halben Stunde beginnt man sich zu fragen, was für ein Meisterwerk dieses Historiendrama hätte werden können, hätte Schlöndorff es tatsächlich inszeniert. Doch weil er aus dem Filmstoff nicht zugleich auch noch einen Fernsehmehrteiler machen wollte, trennte sich die Produktionsfirma von dem Regisseur. Sönke Wortmann übernahm die Verfilmung des Bestsellers von Donna Woolfolk Cross.
Der Experte für deutsche Stoffe ("Das Wunder von Bern") erzählt nun die im neunten Jahrhundert angesiedelte Geschichte: Das überaus intelligente Mädchen Johanna aus dem heutigen Franken lernt gegen den Willen des Vaters (Iain Glen), eines christlichen Hardliners, heimlich lesen und schreiben, es arbeitet, als Mönch verkleidet, in einem Kloster, avanciert in Rom zum wichtigsten Berater des Papstes, hilft ihm, Gutes fürs Volk zu tun - und wird nach dessen Ermordung selbst zum Papst gekrönt. Dies geschieht in dem Moment, in dem sie sich entscheidet, mit dem Ritter Gerold (David Wenham) durchzubrennen, den sie aus Kindertagen kennt.
Wortmann erzählt vor allem ein Abenteuerspektakel. Und wenn man die 149 Filmminuten aushält, liegt das vor allem an der zart romantisch erzählten Liebe von Johanna und Gerold - und dem Spiel der Hauptdarstellerin, die die Angst vor dem Auffliegen ihres Versteckspiels allein mit einem Blick, einer Geste andeuten kann.
Wortmann interessiert sich weniger für kirchenpolitische Querelen oder für Seitenhiebe gegen die Katholische Kirche. Er liebt den Bombast, das große Getöse, den Effekt. Stumpfe Gewalt, Vergewaltigungen in der häuslichen Hütte, Normannen überfallen eine Kirche, es rollen Köpfe, Blut spritzt. Wenn ein Räuber einen kirchlichen Abgesandten im Wald ermordet, zoomt die Kamera auf den abgehackten Finger mit den päpstlichen Siegelring. Das Volk ist dekorativ verdreckt, die Maskenbildner leisten ganze Arbeit, wenn Bauern mit von der Pest gezeichneten Gesichtern auftreten.
Es werden die üblichen Mittelalterklischees bedient. Fiedelmusik und pralles Leben. Die Mönche sind masochistisch, die Römer sind dekadent, bei Gelagen entflammt man die Gase pupsender dicker Männer. Die Bösen sind immer kleine dünne Typen mit abstehenden Ohren und finsterem Blick; die Guten erkennt man an ihrem gütigen Lächeln und dem Silberhaar. Die Untergebenen des Papstes sind allesamt albern und geckenhaft. Ihre Kleider und ihre pomadig glänzenden Haare erinnern an Kostümfilme aus den 1950er Jahren. Erstaunlich ist auch, wie es gelingen konnte, trotz der heutigen technischen Möglichkeiten ein Panoramabild von Rom zu entwerfen, das aussieht wie eine billige Fototapete. Fürs Fernsehformat ist das vielleicht kaschierbar, auf der großen Leinwand ist es ruinös.
Nicole Golombek
22.10.2009 - aktualisiert: 22.10.2009 14:40 Uhr