Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.10.2009
Die Bucht
Am Anfang stand Flippers Suizid
"Wir wussten von Anfang an, dass wir diesen Film niemals legal hätten drehen können!" - mit diesen Worten gibt Regisseur Louie Psihoyos gleich zu Beginn seiner Dokumentation die Marschrichtung vor. Das Genre des Doku-Thrillers, das im vergangenen Jahr mit "Man On Wire" geboren wurde, findet mit "The Cove" einen würdigen Nachfolger - wenn auch mit einem vollkommen anderen Thema.
Das idyllisch gelegene japanische Fischerdorf Taiji hütet ein dunkles Geheimnis: Hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt werden dort in einer nicht einsehbaren Bucht Jahr für Jahr Tausende von Delfinen auf grausamste Art und Weise abgeschlachtet. Ric O'Barry möchte den Skandal publik machen - der einstige Delfintrainer, der mit der TV-Serie "Flipper" zu Weltruhm gelangte, setzt sich für die Freiheit dieser Tiere ein. Und zwar genau seit jenem verhängnisvollen Tag, an dem das Delfinweibchen Cathy, das den "Flipper" mimte, in seinen Augen Suizid verübt hat: "Sie hörte einfach auf zu atmen!" In Louie Psihoyos findet O'Barry einen Seelenverwandten, der ihm dabei hilft, das Massaker in Bild und Ton festzuhalten.
Mit modernster Technik und einem "Ocean's Eleven" nachempfundenen Team gehen sie an die Arbeit. Was "Die Bucht" von Dokumentarfilmen ähnlichen Inhalts unterscheidet, ist seine Machart. Denn die Zuschauer werden hier nicht nur mit dem eigentlichen Ziel der Filmemacher konfrontiert, dem sinnlosen Morden ein Ende bereiten zu wollen - vielmehr sind sie von Anfang an mit dabei, wenn die Filmemacher mit den abenteuerlichsten Methoden auf die Pirsch gehen und versuchen, an brisantes Beweismaterial zu kommen.
Gefährliche und schockierende Situationen, aber auch skurril anmutende Passagen wechseln sich ab. Das ist spannend inszeniert - so sehr, dass man das sich anbahnende, grauenvolle Ende eigentlich gar nicht mehr miterleben möchte. Doch der Film tut gut daran, den Finger tief in die Wunde zu legen. Denn nur so ist ihm eine nachhaltige Wirkung gewiss.
Wolfram Hannemann
22.10.2009 - aktualisiert: 22.10.2009 15:20 Uhr