Vor allem Betriebe, die nach internationalen Regeln bilanzieren, leiden unter dem Mangel an Bilanzbuchhaltern
Stuttgart - Sie sind die Griffelspitzer und Erbsenzähler in den Betrieben und erledigen staubtrockene Tätigkeiten: Solche landläufigen Vorurteile zementieren ein falsches Bild über die Bilanzbuchhalter. Es ignoriert deren Karrierechancen. Denn mit ihren analytischen Fähigkeiten sind Bilanzbuchhalter für Führungsaufgaben bestens qualifiziert. Für viele von ihnen ist der Abschluss vor der Industrie- und Handelskammer ein Meilenstein des Aufstiegs.
So ist der Bilanzbuchhalter Michael Szeltner, 41, aus Bad Nauheim heute Leiter der Finanzbuchhaltung des internationalen japanischen Medizingeräte-Herstellers Nihon Kohden Europe GmbH in Rosbach bei Friedberg mit mehr als 80 Mitarbeitern in Deutschland. Im Rückblick sieht er seine berufsbegleitende Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter als das "Sprungbrett zur Karriere". Ursprünglich hatte er einmal Steuerfachangestellter gelernt.
Internationale Richtlinien bedeuten MehraufwandAuch Sabrina Wrase, 28, aus Mechernich bei Aachen profitierte schon unmittelbar nach der Prüfung von der Qualifikation zur Bilanzbuchhalterin. Die gelernte Industriekauffrau genießt mehr Verantwortlichkeiten und bekam gleich nach der Weiterbildung eine Gehaltserhöhung. Die Bilanzbuchhalterin Ursula Carl setzt ihr breites Fachwissen in einer Führungsaufgabe ein - als Abteilungsleiterin des Rechnungswesens bei der Real SB-Warenhaus GmbH (Alzey).
Von Entspannung auf dem Fachkräftemarkt für das Finanz- und Rechnungswesen ist auch weiterhin trotz der ökonomischen Flaute keine Rede: 75 Prozent der befragten deutschen Finanz- und Personalmanager einer großangelegten Umfrage beklagen einen anhaltenden Mangel an qualifiziertem Buchhaltungspersonal, wie der Personaldienstleister Robert Half Finance & Accounting (Frankfurt/Main) feststellte. Der Arbeitsmarkt für Bilanzbuchhalter habe sich seit Beginn der Wirtschaftskrise kaum verändert. "Gegenwärtig besteht in den Betrieben weiter ein Mangel an qualifizierten Bilanzbuchhaltern", bestätigt Uwe Jüttner, Geschäftsführer des Landesverbands Baden-Württemberg der Bilanzbuchhalter und Controller e. V. BVBC in Malsch und Präsident der European Management Accountants Association EMAA. Dies ist die Dachorganisation für nationale Controller- und Bilanzbuchhalterverbände aus den europäischen Ländern. Uwe Jüttner war über 30 Jahre bei einem bekannten Maschinenhersteller tätig, zuletzt in leitender Funktion, und arbeitet heute als selbstständiger Bilanzbuchhalter.
Es sind die internationalen Bilanzierungsrichtlinien, die das Finanz- und Rechnungswesen immer mehr ins Zentrum unternehmerischen Handelns rücken. "Deswegen hat der Arbeitsaufwand in vielen Unternehmen in den letzten Jahren deutlich zugenommen", sagt Jüttner. "Zum Beispiel wegen der internationalen Rechnungslegungsvorschriften (International Financial Reporting Standards, IFRS)", erläutert der Bilanzbuchhalter. Auch der Aufbau interner Prüfungs- und Risikomanagementprozesse wegen des Ratings der Banken bedarf der kompetenten Fachleute. "Intensiver als früher schauen die Unternehmen heute auf ihr Controlling und auf ihre Finanzen, um eine mögliche Schieflage des Unternehmens rechtzeitig zu vermeiden", meint Jüttner.
Nach Jüttners Einschätzung wird die Zahl der gegenwärtig rund 200.000 Bilanzbuchhalter in Deutschland künftig stabil bleiben. Auch Jörg Philippen, Geschäftsführer der Steuer-Fachschule Dr. Endriss in Köln, meint: "Der Beruf des Bilanzbuchhalters wird auch in der Zukunft zu den konjunkturfesten Berufsbildern zählen." Zwar haben sich über die letzten zwanzig Jahre stets mehr junge Kaufleute zum Bilanzbuchhalter weitergebildet: Rund 4000 Teilnehmer der Fortbildungen haben zuletzt jedes Jahr die Prüfung bestanden, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK in Berlin mitteilt. Doch der Rat der Bilanzexperten ist mittlerweile in manchen Direktionsetagen internationaler Unternehmen zur Mangelware geworden.
Auswertungen und ErfolgsrechnungenSein Arbeitsfeld und die Verantwortung skizziert der Bilanzbuchhalter Michael Szeltner: "Ich bin für die gesamte Finanzbuchhaltung, die Abschlüsse nach deutschem Recht und die Monats-, Quartals- und Jahresabschlüsse nach Konzernrichtlinien verantwortlich." Weitere Aufgaben der Bilanzbuchhalter sind die Organisation des Rechnungswesens, das Erstellen von Erfolgsrechnungen und Steuererklärungen. Bilanzbuchhalter sind zudem fit im Steuerrecht, in der Kostenrechnung und in strategischen Planungen. Sie analysieren die Rentabilität der Unternehmen, deren Liquidität und planen sie voraus.
Die Verdienstaussichten für Bilanzbuchhalter sind attraktiv: Laut einer Gehaltsanalyse des BVBC liegt ihr Einkommen gegenwärtig durchschnittlich bei 55 700 Euro im Jahr. Abhängig von Region, Branche und Position weicht die Vergütung individuell von dieser Zahl ab.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK hat die Inhalte der Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter von Grund auf erneuert. "Seit vergangenem Herbst werden die Kurse in drei Handlungsbereiche aufgegliedert - statt wie zuvor in viele einzelne Fächer", erläutert Gordon Schenk, Referatsleiter Aufstiegsfortbildung beim DIHK. Am Beginn stehen nun die Kosten- und Leistungsrechnung und das Finanzmanagement. Darauf folgt das Thema der Unternehmensabschlüsse - erstmals auch nach internationalen Regeln. "Ab sofort spielen betriebswirtschaftliche Auswertungen der Bilanz und der Erfolgsrechnung auf Wunsch der Unternehmen eine größere Rolle als früher", sagt Schenk. Inhalte wie Präsentationen und Fachgespräche sind neu dazugekommen.
Kurse zur Vorbereitung auf die Bilanzbuchhalter-Prüfung bieten neben den Industrie- und Handelskammern Privatschulen und Volkshochschulen - berufsbegleitend oder in Vollzeit. Auch Fernlehrgänge offerieren mehrere Institute. Wer zur Prüfung vor der IHK zugelassen werden will, muss eine kaufmännische Ausbildung und drei Jahre Berufspraxis in der Buchhaltung vorweisen. Auch sechs Jahre Berufspraxis im Finanz- und Rechnungswesen werden angerechnet.
Und welche Früchte trägt die Weiterbildung tatsächlich im Berufsleben? Der DIHK befragte 1113 Bilanzbuchhalter, die von 2003 bis 2007 ihre Prüfungen abgelegt hatten. Bei drei Viertel der Befragten hatte sich der Kurs zum Bilanzbuchhalter im beruflichen Alltag positiv ausgewirkt. Die Hälfte war inzwischen in einer höheren Position tätig und hatte sich bei der Vergütung verbessert.
Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller e. V.,
www.bvbc.deBundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller e. V., Landesverband Baden-Württemberg E-Mail: kontakt@bvbc-lvbw.de
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