Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom 26.10.2009

 

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Die Computerspielschule soll Schule machen

Weissach Der Medienforscher Hartmut Warkus warnt davor, Spieler zu stigmatisieren.Von Annette Clauß
 

Gleich zu Beginn sind die Emotionen hoch gekocht. "Es ist unerträglich, genötigt zu werden, so einen Scheiß anzuschauen", beschwerte sich ein Besucher angesichts der Szenen, die bei der Veranstaltung zum Thema "Killerspiele" im Bildungszentrum Weissacher Tal als Hintergrundkulisse über die Leinwand liefen. Die Bilder stammten aus dem äußerst beliebten Computerspiel "Counter-Strike", zu Deutsch "Gegenschlag", in dem sich Terroristen und ein Polizeiteam zwischen Häuserschluchten Gefechte auf Leben und Tod liefern.



Ein Mann im Publikum warf Jürgen Hestler, dem Vorsitzenden des veranstaltenden SPD-Ortsvereins Weissacher Tal, vor "eine Werbeveranstaltung für Killerspiele" zu machen. Hestler widersprach: Ziel des Abends sei es, "ein Gespräch zwischen den Generationen hinzubekommen und ein bisschen Verständnis für beide Seiten zu wecken".



Die heftigen Auseinandersetzungen um gewalthaltige Spiele sind indes nach Ansicht von Hartmut Warkus, der als Referent auf den "Roten Stuhl" nach Weissach geladen war, weniger ein Problem von Jung und Alt, als zwischen Spielern und Nichtspielern. Der Medienforscher Warkus hat an der Universität Leipzig den Lehrstuhl für Medienpädagogik inne und beschäftigt sich in seiner Arbeit intensiv mit dem Thema Computerspiele.



Vor genau einem Jahr hat er in Leipzig die "Computerspielschule" gegründet, die Erwachsenen die Welt der Computerspiele näher bringen und Kindern den richtigen Umgang mit diesen beibringen soll. Dass Eltern oft keinen blassen Schimmer davon haben, mit welchen Spielen ihre Kinder sich die Zeit vertreiben, ist für Warkus ebenso ein Problem wie die Tatsache, dass die jungen Spieler wenig darüber nachdenken, was sie eigentlich tun. "Wir müssen beide zusammen bringen. Eltern müssen ganz genau wissen, was ihre Kinder spielen und ihnen Grenzen setzen."



Warkus warnte davor, Spieler "als Killer abzustempeln und in die Ecke zu stellen". Der Medienforscher ist zwar der Ansicht, dass es auf dem Markt für Computerspiele "jede Menge Schrott" gibt, trotzdem mache man es sich allzu leicht, wenn man die Schuld für Gewalttaten auf sie schiebe. Dass Spiele die Aggression steigern können, wie eine Zuhörerin argumentierte, glaubt Warkus nicht. Er sei zwar kein Psychologe, aber bislang gebe es "keine ernstzunehmenden Studien, die einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Computerspielen nachweisen".



Für den Medienforscher sind Gewalttaten wie Amokläufe ein gesellschaftliches Problem, das mit mangelnder Aufmerksamkeit für die Mitmenschen zu tun habe. Gerade in der Schule fänden viele Kränkungen statt. "Auch das ist Gewalt und die lernt man nicht im Spiel sondern im realen Leben." Dass Lehrer sich mit Computerspielen beschäftigen, hält Warkus für sehr wichtig. Nur so könnten sie mit ihren Schülern über dieses Thema ins Gespräch kommen, die richtigen Fragen stellen und die Schüler dazu bringen, über die Spiele zu reflektieren. Warkus warnte davor, Computerspiele pauschal zu verurteilen. "Es gibt auch gute Spiele, die keine Ballerspiele und interessant sind." Als Beispiel nannte Warkus das Spiel "Flowers", bei dem die Spieler die Aufgabe haben, eine Wiese zum Blühen zu bringen.



Weitere Verbote sind nach seiner Ansicht keine Lösung. Die liege anderswo: "Wenn wir eine Gesellschaft hätten, die gegenseitigen Respekt und Toleranz fördert, dann hätten wir nicht das Problem, dass wir Spielen die Verantwortung für Gewalt zuschieben müssen." Er wünsche sich mehr Computerspielschulen nach dem Leipziger Vorbild, sagte ein Besucher am Ende des Abends. Die wünscht sich auch Hartmut Warkus: Er hofft, dass sein Modell bundesweit Schule macht.


 

26.10.2009 - aktualisiert: 26.10.2009 06:00 Uhr

 

 



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