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... warum wir Stuttgart lieben (36)

Der Stuttgarter Westen

Foto: Hörner

Im Westen viel Neues
 

Ich komme aus dem Wilden Westen, aus dem Stuttgarter Westen. Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen. Hier ist mein Land. Mein Name ist nicht John Wayne. Mein Name ist Porzer, Tim Porzer. Hier habe ich das Sagen.

Dabei war meine erste Erfahrung mit dem Westen eher schlecht. Als Kleinkind entdeckte ich, wie alle Kleinkinder, den Reiz des rollenden Balles - und wurde böse abgegrätscht. "Rasen betreten verboten." Ich konnte diesen Satz damals zwar noch nicht lesen, aber er klingt mir noch heute im Ohr. Und ich lernte eine Lektion fürs Leben: Der Hausmeister hat immer recht.

Heute tickt der Wilde Westen anders. Wo früher Kinder noch unerwünscht waren, leben heute fast ausschließlich Familien mit Kindern. Aus dem einst behüteten Rasen ist eine Spielwiese geworden. Und der Hausmeister muss - ob er will oder nicht - ein Auge zudrücken.

Ich bin inzwischen auf den heiligen Rasen im Hinterhof nicht mehr angewiesen, ich trete mittlerweile im Fußballverein gegen den Ball. Nach dem Kick treffe ich mich mit den Kumpels in der Kneipe. Aus der Musikbox tönen Iron Maiden und Rammstein. Und wenn uns das Kleingeld ausgeht, serviert Udo Jürgens auch schon mal griechischen Wein. Das klingt süffig, ich stehe aber mehr auf Spezi.

Der Westen ist ein ordentliches Pflaster - doch im Detail tun sich Abgründe auf. Einer ist der Feuersee. In seinen trüben Fluten fühlen sich nicht nur Karpfen und ausgesetzte Schildkröten wohl, hier finden auch mit flinker Hand entsorgte Einkaufswagen, Fahrräder und Autoreifen ihre letzte Ruhestätte.

Der unendlich weite Horizont des Wilden Westens wird in der Realität oft zur bürgerlichen Enge eines Dorfplatzes. Der Ortsheilige heißt Bismarck, er gibt dem Dorfzentrum seinen Namen. Hier trifft man sich beim Wochenmarkt, jeder kennt jeden, Neuigkeiten werden ausgetauscht, Gerüchte verbreitet. Abends kehrt, anders als in einem Dorf, keine Ruhe ein. Autos suchen Parkplätze, Martinshörner schlagen Alarm, neugierige Nachbarn lassen die Rollläden nach oben rasseln. Ich bleibe gelassen. Keine Aufregung. Tim und John Wayne haben alles im Griff. Der Revolver bleibt im Halfter. Obwohl es im Westen viel Neues gibt.
 

Tim Porzer

26.10.2009 - aktualisiert: 16.11.2009 15:49 Uhr

 



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