Böblingen - Beim Vogel des Jahres 2009 sind sich Naturschützer und Fischer einig. Gemeinsam haben sie im Kreis Böblingen für den Eisvogel Brutröhren angebracht. Der vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ernannte Nachfolger entzweit sie. "Er ist schädlich", sagt Fischerfunktionär Werner Retz über den Kormoran.
Ein schöner Frühlingstag im März 2009. Werner Retz, Chef beim Verband für Fischerei und Gewässerschutz Baden-Württemberg für den Bereich Enz/Würm, genießt den Sonnenschein bei Aidlingen im Kreis Böblingen. Hier, am Ufer der Würm, graben Mitarbeiter seiner Organisation und örtliche Vertreter des Nabu gerade Brutröhren für den spatzengroßen Eisvogel ein. Mit dabei ist Markus Pagel, Geschäftsführer des Naturschutzbunds Gäu/Nordschwarzwald. Er sagt: "Der Eisvogel klaut so kleine Fische, dass es keine Probleme mit den Anglern gibt. Wenn wir etwas für den Kormoran tun würden, stünde der Fischereiverband auf der anderen Seite."
Pagels Prognose ist jetzt eingetroffen. In diesem Monat haben der Nabu Deutschland und der bayerische Landesverband für Vogelschutz (LBV) den bis zu 94 Zentimeter großen, schwarz gefiederten Kormoran zum Vogel des Jahres 2010 gewählt. Die Entscheidung löste bundesweit heftige Proteste von Anglern und Fischern aus. Die Reaktion war zu erwarten und Pagels Vorausschau kein Hexenwerk. Seit Jahren bekämpfen Angler und Fischer den Kormoran, der 400 bis 500 Gramm Fisch am Tag verschlingt. "Wir haben bald keine Fische mehr", klagt Retz, der den Kormoran auch für die bedrohliche Lage des Eisvogels, der sich mit 15 bis 30 Gramm am Tag begnügt, verantwortlich macht: "Er frisst ihm die Laichfische weg."
"Der Kormoran wurde zum Vogel des Jahres gewählt, um das unnötige Töten und Vertreiben dieser Tiere zu beenden", begründet Nabu-Präsident Olaf Tschimpke die Entscheidung. Und: "Wir wollen uns dafür einsetzen, dass fischfressende Vogelarten wie der Kormoran endlich als natürlicher Bestandteil der Natur auch in Deutschland akzeptiert werden." Das sieht Retz ganz anders: "Er muss leben, aber nicht bei uns. Er war in den letzten 100 Jahren nicht hier."
Tatsächlich war der große Vogel um 1920 herum in Deutschland so gut wie verschwunden. Das Ergebnis intensiver Verfolgung durch Fischer und Angler, wissen die Naturschutzverbände. Auch andere Fischfresser wie Fischadler, Graureiher oder der kleine Eisvogel wurden in Europa als Nahrungskonkurrenten der Menschen bekämpft. Erst durch die 1979 erlassene Vogelschutzrichtlinie der Europäischen Gemeinschaft verbesserte sich die Lage der Tiere entscheidend. Heute gibt es in Deutschland um die 24.000 Kormoran-Brutpaare. "Die Rückkehr ist ein Erfolg für den Vogelschutz, auf den wir stolz sein können", erklärt der LBV-Vorsitzende Ludwig Sothmann.
Fischer und Angler sehen darin aber eine Katastrophe, sprechen gar von der schwarzen Pest. Die 140 Berufsfischer am Bodensee jedenfalls machen den Kormoran für sinkende Erträge verantwortlich. Mehrere Hundert Paare würden jährlich etwa 200 Tonnen Fisch fangen. Zum Vergleich: Die Fischer haben 2008 rund 725 Tonnen "geerntet".
Am Bodensee, in einem Naturschutzgebiet bei Radolfzell, gab es 2008 eine umstrittene Vergrämungsaktion. Um die Brut zu zerstören, wurden die Kormorane in einer Aprilnacht mit Scheinwerferlicht aus ihren Nestern vertrieben. Das Regierungspräsidium Freiburg hatte die Aktion genehmigt.
Der Verband Deutscher Sportfischer und der Deutsche Anglerverband sind über die Wahl des Kormorans empört. "Außerhalb jeglicher Vernunft" heißt es in einer Presseerklärung. In Europa hätten sich die Bestände in 25 Jahren auf 1,8 Millionen Tiere verzwanzigfacht. Der Vogel treibe Inhaber von Fischteichen an den Rand des Ruins.
Derweil wirbt der Nabu auf seiner Internetseite um "Kormoranfreunde". Wer mag, kann sich dort als Anhänger des Vogels outen. Gerhard Polt, der bayerische Kabarettist, hat es getan: "Ich bin Kormoranfreund, weil ich schon genug Feinde habe." Schauspielerin Senta Berger schreibt: "Die Rückkehr des Kormorans ist ein Erfolg für den Artenschutz. Ich möchte, dass das so bleibt, und setze mich für einen vorurteilsfreien Umgang mit diesem schönen Vogel ein."