Der Konditormeister Michael Wulf und die Frauenstraße im Stuttgarter Süden
Es hätte ein so schöner Urlaub werden können, im Sommer 1972. Diesen verbrachte der fünfjährige Michael Wulf aus Stuttgart mit seinen Eltern am wärmsten Alpensee, dem Wörthersee in Kärnten, mit fröhlichem Baden, Planschen und Paddeln.
Bis ein Anruf aus Stuttgart die Familie aufschreckte. Auch in der Heimat, so hieß es, paddelte man auf dem Wasser. Doch nicht auf dem Max-Eyth-See, sondern auf den Straßen und vor allem in den Unterführungen der Landeshauptstadt. Am 15. August suchte ein schweres Tropengewitter Stuttgart heim: Mehr als 50 Liter Wasser und Hagelkörner fielen auf den Quadratmeter, Erdmassen und umstürzende Bäume blockierten die Straßen, allein in den Tunnelröhren unter dem Charlottenplatz stauten sich 500 Kubikmeter Eis. Per Schlauchboot mussten dort eingeschlossene Autofahrer von der Feuerwehr gerettet werden.
Sechs Menschen starben, darunter drei junge Männer, die in einem Keller in der Böblinger Straße von hereinstürzenden Wassermassen eingeschlossen wurden. Trotz des dreifachen Notrufs einer Polizeistreife gelang es der Berufsfeuerwehr nicht mehr, rechtzeitig nach Heslach zu kommen. In der Böblinger Straße, Ecke Frauenstraße, wohnte auch Michael Wulf mit seiner Familie, sie betrieben dort seit dem Jahr 1954 das Café Schurr.
Michael Wulf, heute 42 Jahre alt, sitzt in eben diesem Café. Vor ihm liegen Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen die Frauenstraße am Unglückstag: Berge aus Hagelkörnern türmen sich meterhoch, Menschen laufen aufgeregt durcheinander - es herrscht das blanke Chaos. Michael Wulf selbst hatte damals noch die Folgen der Verwüstung zu sehen bekommen, da die Familie vom Wörthersee nach Hause eilte, um in dieser Notlage den Großeltern zur Seite zu stehen. Die Unterführung am Charlottenplatz wurde längst wieder durchfahren, als die Frauenstraße noch immer unpassierbar war. "Der Nesenbach, der unterirdisch verläuft und von Kaltental herunterkommt, brach an diesem Tag durch den Asphalt", erklärt Wulf das Ausmaß der Verwüstung. Besonders beeindruckt hatte ihn damals als kleinen Jungen ein in der Garage abgestelltes Auto, das von der schieren Kraft der Wassermassen an die Decke des Unterstands gedrückt wurde. Eine Delle zeigte die Stelle, an der sich die Deckenbeleuchtung ins Blech gedrückt hatte.
37 Jahre später werfen die Kronleuchter des Café Schurr ein gediegenes Licht auf die Einrichtung, die zum Teil noch aus den 50er Jahren stammt. Zu dieser Zeit richteten Michael Wulfs Großeltern das Café ein. Seine Eltern fügten zwei Jahrzehnte später noch ein paar typische 70er-Jahre-Accessoires hinzu. Was das Café vorher war, hat Wulf beim Baurechtsamt recherchiert: "Ein sogenanntes Etablissement." Der Konditormeister betreibt das Café in dritter Generation, und auch er hat schon seine Handschrift hinterlassen - nicht nur, was das Interieur betrifft: Wegen seines Apfelkuchens kommen die Leute von überall her nach Heslach.
Schon im 15. Jahrhundert zog es die Menschen scharenweise in den Weiler. Nicht des Apfelkuchens wegen freilich, sondern um die Marienkapelle, die "Capelle unserer Frauen zu Heslach", aufzusuchen, die wahrscheinlich am Bihlplatz lag. Von 1497 an entwickelte sich aus unbekannten Gründen eine Wallfahrt zu dieser Kapelle, die so stark wurde, dass man begann, eine große Wallfahrtskirche zu bauen. Die Einweihung fand 1503 statt. Wenig später führte Herzog Ulrich in Württemberg die Reformation ein; die Kirche wurde 1535 geschlossen, Monstranzen und Kelche eingeschmolzen, die Bilder zerstört, das Gebäude selbst in den folgenden Jahren abgetragen. Die Steine dienten zum Bau der Alten Kanzlei. Im Jahr 1895 erhielt die Neue Straße im Gedenken an die Kapelle den Namen Frauenstraße.
Nach dem Abriss der Kirche wurde die kleine Straße, die sich von der Böblinger- bis zur Böheimstraße zieht, jedoch vorwiegend von Männern bestimmt: Kleine Handwerksbetriebe ließen sich vor allem in den Hinterhöfen nieder. Es gab sowohl einen Huf- und Wagenschmied als auch einen Gipsermeister. Noch heute finden sich an der Frauenstraße ein Friseur, ein Metzger und ein Apotheker. Inzwischen hat die Anziehungskraft der Straße auch die Kreativen erfasst: "Ein Bildhauer, ein Fotograf und eine Töpferin", zählt Wulf die neuen Nachbarn auf.
Die Bebauung der Straße eignet sich freilich auch für Ladengeschäfte und kleine Ateliers: An den großen Querstraßen stehen mehrstöckige Gründerzeithäuser mit Ladengeschäften im Erdgeschoss, dazwischen liegen kleine, verputzte Fachwerkhäuser, in deren Hinterhöfen noch die alten Werkstattgebäude stehen. Der Fotograf etwa hat sein Atelier in den alten Gemäuern eingerichtet, in dem einst der Hufschmied tätig war. "Da die Frischluftschneise durch das Tal führt, darf man hier nicht höher bauen", erklärt Wulf die ungewöhnliche Bebauung.
Gebaut wird in der Frauenstraße dennoch: Bereits im Jahr 1903 wurde in einem Protokoll des Gemeinderats festgehalten, dass die Angrenzer der Frauenstraße vor ihren Grundstücken Trottoirs anzulegen hätten. Die bereits in Angriff genommenen Baumaßnahmen verzögerten sich jedoch, da ein Anwohner Einspruch gegen die Auflage erhoben hatte. Dieser wurde jedoch abgelehnt. Heuer wird der Gehweg wieder aufgebrochen: Die EnBW, so Wulf, verlege Stromkabel, um den Heslacher Tunnel zu versorgen. "Die Bauarbeiten ziehen sich schon ewig", klagt er. Solange aber der Nesenbachkanal nicht angebohrt und die Straße geflutet wird, ist alles gut.