Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom 30.10.2009

 

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Die Lebensaufgabe für Eltern der Amokopfer

Winnenden Für die Stiftung gegen Gewalt an Schulen fehlt noch Geld. Von Frank Rodenhausen
 

Für Gisela Mayer markiert der 11. März den schlimmsten Tag ihres Lebens. Bei dem Amoklauf eines 17-Jährigen ist ihre 25 Jahre alte Tochter Nina getötet worden. Sie hatte ihren Job als Referendarin an der Albertville-Realschule in Winnenden erst vier Wochen zuvor angetreten.



Die persönliche Tragödie treibt die Mutter seither dazu an, sich rastlos für Konsequenzen aus der Tat einzusetzen: für eine Verschärfung des Waffenrechts, gegen sogenannte Killerspiele - aber auch gegen das, was sie als "Gleichgültigkeitsliberalismus" bezeichnet, und für die Vermittlung von Werten und sozialen Kompetenzen an den Schulen. Letzteres macht Gisela Mayer nicht erst seit dem 11. März. Sie ist Lehrerin an einer Backnanger Schule, versteht den Beruf schon immer auch als Berufung.



Am 18. November will Gisela Mayer zusammen mit anderen Eltern, die bei dem Amoklauf ihre Kinder verloren haben, eine Stiftung gründen, die diese Ziele mit Nachdruck vertritt und sie langfristig im Auge behält. Die Stiftung "Gegen Gewalt an Schulen" soll unter dem Dach der evangelischen Landeskirche Platz finden, aber rechtlich eigenständig bleiben. Doch noch bevor sie am Buß- und Bettag - der Termin wurde bewusst so gelegt - in der Winnender Karl-Borromäus-Kirche aus der Taufe gehoben wird, kommen Zweifel an deren Erfolg auf. Dabei geht es vor allem um Geld.



50 000 Euro benötigt die Stiftung als Stammkapital. Doch trotz er großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung nach dem Amoklauf und verschiedener Benefizaktionen haben die Gründer das Geld noch nicht zusammen. "Man muss hier zwischen dem Spenden- und dem Stiftungskonto trennen", sagt Hardy Schober. Der 50-Jährige, der bei dem Amoklauf seine Tochter Jana verloren hat, ist der designierte Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Etwa 37 000 Euro seien bisher in Verbindung mit der Stiftungsgründung eingezahlt worden, von den Benefizaktionen könne lediglich der Erlös einer einzigen für diesen Zweck verwendet werden, weil der veranstaltende Verein dies ausdrücklich so gewünscht habe. Aber Schober ist dennoch zuversichtlich, das Mindestkapital bis zum 18. November vorweisen zu können.



Mit der Stiftungsform wollen die bisher in dem Aktionsbündnis Amoklauf organisierten Eltern auch dem Vorwurf der mangelnden Transparenz entgegentreten. Eine Stiftung muss sich per Satzung verbindliche Ziele setzen, deren Umsetzung ebenso kontrolliert wird wie die Verwendung der Mittel und die Gehälter des Vorstandes und seiner Mitarbeiter. Schober wie Mayer räumen ein, dass die bisherigen Aktivitäten durchaus professioneller hätten organisiert werden können. Allerdings habe kein Mensch auf diese Ereignisse vorbereitet sein können. "Wir sind durch das Schicksal zum Handeln gezwungen worden", sagt Gisela Mayer. "Wir haben unsere Kinder nicht schützen können, fühlen uns aber verpflichtet, mitzuhelfen, dass so etwas nie mehr passiert." Dass jetzt hinter manch vorgehaltener Hand gemunkelt werde, man wolle sich mit Hilfe der Tragödie persönlich bereichern, ziele mehr als unter die Gürtellinie. Gisela Mayer ist quer durch die Republik gereist, um in Talkshows oder Pressekonferenzen ihre Botschaft zu verbreiten, "dafür habe ich nicht einen einzigen Liter Benzin verrechnet."



Auch dass etliche der Opfereltern dem Aktionsbündnis den Rücken gekehrt hätten, weil ihre Interessen vom autoritären Führungsstil ihres Sprechers Schober erstickt würden, sei schlicht ein übles Gerücht. In der Tat seien die Eltern zweier Schülerinnen ausgetreten. Dies aber aus dem einfachen Grund, weil ihnen der öffentliche Druck zu viel geworden sei - "nicht etwa, weil sie sich nicht mehr mit unseren Zielen identifizieren konnten".



Gisela Mayer macht das Beispiel von Siegfried Steiger Mut. Der Mann, der - angetrieben durch den Tod seines Sohnes Björn - mit seiner Stiftung das Rettungswesen in Deutschland revolutioniert hat, habe Zeit seines Lebens auch mit Widerstand und Neidern zu kämpfen gehabt. Ob Gisela Mayer die Umsetzung der Stiftungsziele auch als ihre persönliche Lebensaufgabe sieht? "Das ist sie schon immer gewesen", sagt die Lehrerin, "nur ist sie mit dem 11. März jetzt öffentlich geworden."



Die Ziele der Stiftung können im Internet unter der Adresse www.aktionsbuendnis-amoklaufwinnenden.de nachgelesen werden.
 

30.10.2009 - aktualisiert: 30.10.2009 06:01 Uhr

 

 



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