Bei Betriebsärzten steht Prävention im Vordergrund - Geregelte Arbeitszeit und gute Jobaussichten
Stuttgart - In der Arbeitsmedizin steht die Prävention über allem. Deshalb sorgen Betriebsärzte dafür, dass die Mitarbeiter möglichst gesund und leistungsfähig bleiben. Doch leidet auch diese Facharztdisziplin unter Nachwuchsmangel. Dieser wird verstärkt durch die zunehmende Erkenntnis der Unternehmen, dass die Gesundheit ihrer Mitarbeiter für den wirtschaftlichen Erfolg wichtig ist.
Dr. Andreas Welker hat eine Gabe, die einen Menschen sympathisch macht und für einen Arzt unerlässlich ist: er kann zuhören. Das können andere Mediziner wohl auch, nur haben sie oft nicht die Zeit dafür: Der Kostendruck ist hoch, die Wartezimmer sind oft brechend voll, auch weil es an Nachwuchs mangelt. Den beklagt die Arbeitsmedizin auch. Dabei bietet sie etwas, wovon viele niedergelassene oder Ärzte in Krankenhäusern nur träumen können: geregelte Arbeitszeiten und Zeit für die Patienten.
Dass der Beruf des Arbeitsmediziners genauso anspruchs- und verantwortungsvoll ist wie der von Klinikärzten, weiß Welker aus eigener Erfahrung. "Ich habe in die Arbeitsmedizin gewechselt, weil ich Menschen nicht nur in akuten Situationen erleben möchte. Mich interessiert, wie man sie möglichst davor schützt." Das praktiziert der 47-Jährige bei der Voith AG in Heidenheim, seinem Arbeitgeber. Voith beschäftigt gleich zwei Betriebsärzte, die gemeinsam etwa 5500 Beschäftigte betreuen.
Vorsorge und BeratungWelker ist einer von rund 12.250 Betriebsärzten in Deutschland, die für die arbeitsmedizinische Versorgung von etwa 30 Millionen Beschäftigten in über drei Millionen Betrieben zuständig sind. Die berufsgenossenschaftliche Vorschrift "Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit" verpflichtet Unternehmen schon ab einem Beschäftigten, je nach Gefährdungsanalyse einen Betriebsarzt für Vorsorgeuntersuchungen und betriebsärztliche Beratung hinzuzuziehen. Zu dessen Aufgaben zählen auch die Beratung und Unterstützung des Arbeitgebers in Fragen des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung. Weil sich ein eigener Betriebsarzt für kleine Firmen nicht lohnt, arbeiten sie mit externen freiberuflichen Betriebsärzten oder überbetrieblichen Diensten zusammen.
Welker ist Angestellter von Voith. Er hält Sprechstunden für die Kollegen ab, in denen er sie beispielsweise über Wiedereingliederungsmaßnahmen nach langer Krankheit informiert, sie impft, wenn sie im Ausland zu tun haben, und in Suchtfragen unterstützt. Regelmäßig nimmt er Arbeitsplätze hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Risiken unter die Lupe, bewertet sie aus Sicht der Ergonomie und erarbeitet falls notwendig Verbesserungsvorschläge. Zu den weiteren Aufgaben zählen Vorsorge- und Einstellungsuntersuchungen, der betriebliche Notdienst bei Unfällen und das weite Feld der Prävention. Das erstreckt sich von einer gesunden Ernährung bis hin zur Rückenschule, in Vorträgen oder in der Ausarbeitung von konkreten Angeboten. "Ich bin zwar Angestellter von Voith, aber in meiner ärztlichen Beratungstätigkeit nicht weisungsgebunden." Welker definiert seine Rolle als "Berater und Mittler zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und dem Betriebsrat, immer mit dem vorrangigen Ziel, dass Arbeit nicht krank macht und der Mensch und seine Arbeit gut zusammenpassen". "Als persönliche Fähigkeiten halte ich vor allem Glaubwürdigkeit, Neutralität, Einfühlungsvermögen und diplomatisches Geschick für wichtig."
Die Arbeitsmedizin setzt nach dem Medizinstudium eine Facharztausbildung wie in anderen Disziplinen auch, etwa der Chirurgie, voraus. In der Arbeitsmedizin dauert sie fünf Jahre und besteht aus drei Teilen: 24 Monate sind in der Inneren und Allgemeinmedizin zu leisten, danach 36 Monate in der Arbeitsmedizin. Zudem muss während der arbeitsmedizinischen Weiterbildung ein 360 Stunden umfassender Kurs mit arbeitsmedizinischen Inhalten aus den Gebieten Berufskrankheiten, Ergonomie oder Arbeitspsychologie absolviert werden.
Zeit für Mitarbeiter und die FamilieAuch Mediziner, die bereits eine Facharztanerkennung haben, durchlaufen diesen Weiterbildungsweg, jedoch in gekürzter Form. Nach erfolgreicher Facharztausbildung können sie als hauptamtlicher Werksarzt in einem Unternehmen arbeiten, Angestellter eines überbetrieblichen Dienstes sein oder sich als selbstständiger Arbeitsmediziner mit eigener Praxis niederlassen.
"Die Möglichkeiten, in Teilzeit tätig zu werden, sind besser als in vielen anderen medizinischen Fachgebieten", weiß Dr. Christoph Straßner, Facharzt für Arbeitsmedizin in Dunningen und Vorsitzender vom Landesverband Württemberg Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Der Bundesverband bezeichnet die Berufsaussichten für junge Arbeitsmediziner als hervorragend, weil zum einen die Hälfte aller Betriebsärzte heute 60 Jahre oder älter ist, und zum anderen habe in der Arbeitswelt ein Umdenken eingesetzt. "Den Betrieben ist klar, wie wichtig es für sie ist, wenn ihre Mitarbeiter fit bleiben. Und sie sind bereit, etwas für ein vorausschauendes Gesundheitsmanagement zu tun", so Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte VDBW. Dass die Unternehmen ihre Betriebsärzte entsprechend entlohnen, kommt hinzu. "Als Assistenzarzt im Krankenhaus würde ich mein jetziges Einkommen nicht erreichen", sagt Welker. Genauso wichtig ist ihm, Zeit für die betreuten Mitarbeiter und für seine Familie zu haben. "In der Arbeitsmedizin ist es mir gelungen, dass ich meinem Traumberuf Arzt nachgehen kann, ohne dass die Privatsphäre darunter leidet."