Bonn - Von "unglaublich aufgeregten Tagen" spricht der Fernsehjournalist Friedrich Nowottny im Rückblick auf die Ereignisse im deutschen Wendeherbst 1989. Doch niemand habe zuvor eine Ahnung davon haben können, was sich in der DDR anbahnt.
Es sollte unaufgeregt anfangen, das Revolutionsjahr 1989. Westdeutschland ist überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Der "Spiegel" übt sich im März zum wiederholten Mal im Kanzlersturz. "Kohl soll weg - aber wie?" steht auf dem Titelblatt. Auch Norbert Blüms Gesundheitsreform ist eine Aufmachergeschichte wert, der Ärztepfusch und der "PS-Wahn" werden angeprangert, das Gladbecker Geiseldrama sowie der Hitler-Stalin-Pakt aufgerollt und die Erinnerungen des Franz Josef Strauß ausgegraben. Es ist die handelsübliche Politware - mal reißerisch, mal seriös -, die die Bundesbürger an den Kiosken vorfinden. So geht es zu bis tief in den August, dann lässt das Magazin aufhorchen: "Explodiert die DDR?" lautet die Titel-Frage. Die Massenflucht aus Honeckers stacheldrahtumranktem Land hat begonnen.
Nowottny: "Ungarn war sensationell"
Im Sommer 1989 sind wie in jedem Jahr DDR-Bürger zu Tausenden nach Ungarn gereist, doch sie wollten diesmal nicht mehr zurück. Am 19. August eröffnet sich für Hunderte von ihnen plötzlich die Chance zur Flucht nach Österreich, Ungarn hat während eines ungarisch-österreichischen Friedensfests, dem "Paneuropäischen Picknick", die Grenzen kurzzeitig geöffnet. Am 11. September lässt Ungarn alle rund 6000 DDR-Flüchtlinge, die sich im Land in Lagern und Privatquartieren aufhielten, unbehelligt nach Österreich weiterziehen. Aus dem Eisernen Vorhang wird Schrott.
Friedrich Nowottny, als ehemaliger Chefkorrespondent der ARD ein prominenter Vertreter der Journalistenzunft, räumt im Rückblick bei einer Tasse Kaffee in seinem Haus bei Bonn ein: "Ungarn - das war schon ein sensationelles Ereignis. Aber die Dimension, die haben wir nicht erkannt."
Dem TV-Mann Nowottny ergeht es in den 80er Jahren wie wohl den meisten seiner Kollegen: Die DDR gilt in ihrem verkrampften Bemühen, international Anerkennung zu erringen, als harter Brocken. Mit Ostberlin tut man sich politisch wie journalistisch schwer. Es war ein Land, das versucht, seine Bürger in Schach zu halten. Die Stasi hat überall ihre Lauscher präsent. "Mein Blick auf dieses Land war realistisch, keineswegs vergnüglich", sagt der 80-jährige frühere WDR-Intendant. In seinem "Bericht aus Bonn" gab es nie ein Interview mit einem SED-Politiker. In seiner Privatsammlung hat er Tausende Fotos, die ihn mit politischer Prominenz zeigen - ein Bild von ihm zusammen mit einer DDR-Größe aber ist nicht darunter.