"Zeitoper" der Staatsoper Stuttgart: Am Samstag wird Ruedi Häusermanns Stück "Randolph"s Erben" im Kammertheater uraufgeführt
Von Susanne Benda
Man kann es zumindest versuchen. Man kann den Schweizer Komponisten, Autor und Regisseur Ruedi Häusermann bitten, sein neues Stück "Randolph"s Erben" zu beschreiben, das am Samstag um 19.30 Uhr im Kammertheater zur Uraufführung gelangt. Dann wird man Sätze hören wie diese: "Viele Geschichten fügen sich zu einer materiellen Welt", "Alles, was passiert, hängt zusammen", "Wir legen eine Lupe auf das Geschehen, verdoppeln gewisse Zufälligkeiten - und machen gerade dadurch deutlich, dass hier nichts zufällig geschieht". Wenn man dies gehört hat, ist man fast so klug wie zuvor.
Es sei denn, man kennt die Klangwelt dieses Künstlers, die immer auch eine Theaterwelt ist, schon aus dem letzten Stück "Gewähltes Profil: lautlos", das 2006 im Stuttgarter Forum Neues Musiktheater zu erleben war. Schon damals sah man gleichsam ein vielteiliges Fragezeichen. Wie entsteht Theater?, fragte Häusermann in vielen stillen, unverbundenen Bildern. Was bedeutet Musik, wie wird sie zur Szene, und wie können Szenen auch Musik sein? Können sich Klänge und Gesten berühren - und was entsteht, wenn sie das tun? Was kommt nach der Kunst, wo und wie beginnen Rezeption und Reproduktion? Vor allem aber: Was ist Musiktheater?
Der freie Assoziationsraum, der in "Gewähltes Profil: lautlos" entstand, prägt nun auch "Randolph"s Erben". Nur ein bisschen greifbarer ist er geworden: Zu sehen ist ein Musikinstrumentenladen samt Werkstatt - während auf der oberen Ebene ganz konkret Materielles verhandelt wird, arbeiten sich unten vier Bläser und vier Streicher mit leisen Klängen und Geräuschen an der Kunst ab. Löffel, die in Kaffeetassen rühren, gehören ebenso zum musikalisch-szenischen Gesamtkunstwerk wie die leisen Akkorde, bei denen die Instrumentalisten immer wieder zur Ruhe und zueinanderfinden.
"Randolph"s Erben" ist ein akribisch ausgearbeitetes Stück. Über nahezu zwei Jahre hinweg haben die Beteiligten miteinander geprobt, haben Komponiertes und Improvisiertes miteinander verwoben. Stolz zeigt der Komponist einen großen Pappstreifen etwa im A-3-Format, den er mit bunten Zetteln beklebt hat: eine Zeitleiste, auf der alle parallel laufenden szenischen und musikalischen Aktionen präzise notiert sind. "Unsere Arbeit", sagt Häusermann, und die Betrachtung der Szene bei einer Probe gibt seinem Plural recht, "hat viel Zeit gebraucht. Zeit und Kraft. Beides braucht es, wenn man das Besondere, das Sensationelle gerade nicht will und wenn man versucht, alles Pathetische zu umschiffen."
Das Ergebnis sind Bilder, deren Qualität gerade im Uneindeutigen liegt - szenische Klänge, klingende Szenen, die von ihrem Publikum Tugenden einfordern, die heute fast altmodisch wirken: Aufmerksamkeit, Durchhaltevermögen, Konzentration auf Details. Wer dies alles auf- und einbringt, wird Teil des Theaterzaubers, den Ruedi Häusermann mit seinen acht Musikern und vier Schauspielern ausbreitet, und er hat teil an der Utopie einer Welt des gesteigerten Bewusstseins. Außerdem darf er sich als lebendiger Teil eines feinen Netzwerks fühlen, das sich in diesem ganz eigenartigen, zuweilen ironischen, zuweilen witzigen, zuweilen aber auch tief ernsten Kunst-Kosmos entfaltet. Es verbindet nicht nur Musik und Theater, Text und Klang, Bild und Aktion, sondern auch Kunst und Wirklichkeit.
05.11.2009 - aktualisiert: 05.11.2009 05:43 Uhr