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Depeche Mode in der Schleyerhalle

Wie gern der Mensch verführt wird

Foto: dpa

Stuttgart - Wenn 13.000 Gleichgesinnte bekommen, was sie sich gewünscht haben, herrscht Glückseligkeit. Ein seltsamer Kontrast zu dem, was die Briten Depeche Mode am Sonntag in der ausverkauften Schleyerhalle zelebrieren: Schwermut und den Schmerz an der Welt, seit 28 Jahren zentrale Motive der Band.

Natürlich ist da Koketterie im Spiel, gleich zu Beginn zu hören im aktuellen Hit "Wrong". Der handelt von einem, in dessen Leben praktisch alles schiefgelaufen ist, doch Hauptsongwriter Martin Gore hat ihm ein autobiografisches Augenzwinkern mitgegeben: Alles ein einziges Drama, "till it sounded right" - bis es richtig klang. Da nimmt einer den Erfolg selbstbewusst an, lautstark bejubelt auch in Stuttgart.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aber steht, noch mehr als sonst, Sänger Dave Gahan (47). Mitte Mai musste er die monströse Welttournee der Band unterbrechen, um sich einen bösartigen Blasentumor entfernen zu lassen. Zum Glück spurlos, wie es scheint: Der Mann mit der sonoren Stimme ist in exzellenter Verfassung, wie immer dreht er seine wilden Pirouetten mit dem Mikroständer, breitet er pfauengleich die Arme aus, wiegt er sich als Salsa-Dave in den Hüften. Gahan, einer der elegantesten Dompteure des Popzirkus, betört die freilich sehr empfänglichen 13000 im Nu. Eine Handbewegung, und sie huldigen ihm, ob bei "Walking In My Shoes" oder "Question Of Time" oder "Policy of Truth".

Welche Stücke aus ihrem reichhaltigen êuvre Gahan, Gore, Keyboarder Andrew Fletcher und ihre Mitstreiter an Drums und Synthesizern spielen, ist letztlich nicht so wichtig, denn jeder klingt an diesem Abend wie eine Offenbarung. Der Klang ist sauber austariert, klar und druckvoll überfluten kunstvoll geschichtete Sounds die Halle. Die werden zwar überwiegend synthetisch erzeugt, erfahren im Zusammenklang aber eine wundersam anmutende Beseelung, die über die Studiofassungen der Songs weit hinausgeht - ein Live-Erlebnis par excellence.

Der Aufbau ist diesmal eher nüchtern verglichen mit futuristischer Inszenierung der Vergangenheit, doch die ausgeklügelte Inszenierung gleicht einiges aus: Leinwand und Musik korrespondieren perfekt, zum vor Energie fast berstenden "I Feel You" etwa erstrahlen die Akteure monochrom verfremdet als wären sie eine Punkband, und manövrierbare Lichtbögen erzeugen im Sekundentakt jede gewünschte Stimmung.

Exzentriker Martin Gore setzt mit dunklen Gitarrentönen kluge Akzente und lässt sein Instrument auch mal heulen und brüllen. Wie üblich übernimmt er zwischendurch die Rolle des Sängers, und bei der Ballade "Home", natürlich über einen Underdog, gelingt ihm ein wirklich großer Moment: "I thank you (...) for showing me home" intoniert er mit dramatischem Gestus, und das Publikum singt die Hymne im Anschluss minutenlang im Chor weiter.

Ausbaufähig, denkt da Dave Gahan, lässt bei "Enjoy The Silence" gleich die Menge singen und dirigiert andächtig vom Laufsteg aus. Ein Meer aus Händen bei "Never Let Me Down Again", tosender Applaus bei "Stripped" und zum Abschluss nach zwei Stunden "Personal Jesus," ein Song über die Verführbarkeit des Menschen durch Idole - Beweis erbracht. So schön kann Schwermut sein.
 

Bernd Haasis

09.11.2009 - aktualisiert: 09.11.2009 13:09 Uhr

 



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