Drucken Versenden

Interview

Vernetztes Denken fördern


Für die Zeit nach der Krise
 

Stuttgart - Das Garp Bildungszentrum hat für junge Fachkräfte Kurse entwickelt, die systemübergreifendes Wissen vermitteln. Im Gespräch mit uns sagt Geschäftsführer Werner Waiblinger, dass dies nach der Krise gebraucht wird und wie Betriebe das finanzieren können.

Frage: Hilft berufliche Bildung gegen die Wirtschaftskrise?

Herr Waiblinger: Technisches und technologisches Wissen ist existenziell für Deutschland. Ohne hochwertige Automation hätten wir im weltweiten Wettbewerb durch unsere lohnintensive Produktion längst verloren. Sicher nutzt Bildung erst mal nicht, wenn Märkte gesättigt sind. Aber clevere Unternehmen denken jetzt voraus und stellen sich auf die Zeit nach der Krise ein. Gefragt sein werden junge Systemdenker.

Frage: Was meinen Sie damit?

Herr Waiblinger: Gegenwärtig überdenken Betriebe ihre Strategie und Organisation. Entscheidend für den Erfolg deutscher Unternehmen sind fachliche und methodische Fähigkeiten sowie Soft Skills. In komplexer werdenden Prozessen innerhalb und zwischen Firmen bis hin zum globalen Geschäft mit Material-, Informations- und Werteflüssen müssen alle Mitarbeiter übergreifend in Systemen denken und handeln können.

Frage: Das bedeutet, Betriebe benötigen neue Mitarbeiter?

Herr Waiblinger: Wir benötigen Mitarbeiter, die einerseits sehr spezifisch ausgebildet sind und andererseits etwas von den Prozessen links und rechts des eigenen Arbeitsplatzes verstehen. Denn dann können sie effektive Verbesserungsvorschläge machen, die der gesamten Prozesskette dienen. Berufliche Erstausbildung - unabhängig von Richtung und Niveau - stellt zentrale Weichen, aber bisher wird der übergreifende Aspekt mehr oder weniger ausgeblendet. Dabei würde der Systemansatz allen helfen.

Frage: Wie können Betriebe die Krise für Bildung nutzen?

Herr Waiblinger: Ich denke an das hochinteressante Angebot für akademische Absolventen in Mint-Fächern durch das Land, die Hochschulen und Firmen. Ich denke an das Nachqualifizierungsmodell, bei dem An- und Ungelernte auftragsarme Zeiten nutzen und im Rotationsverfahren mit Jungfachkräften die "atmende Fabrik" verwirklichen helfen. Und ich denke an das Parken von Mitarbeitern in der Weiterbildung, insbesondere von unversorgten Jungfachkräften. Teilweise fördert der Staat diese Maßnahmen.

Frage: Geben Sie ein Beispiel dafür?

Herr Waiblinger: Ein bereits praktiziertes Modell ist, dass Unternehmen jungen Fachkräften nach ihrer Ausbildung den Arbeitsplatz eines An- oder Ungelernten geben und diese temporär zur Nachqualifizierung schicken. Die fertigen Auszubildenden bekommen vorübergehend Arbeit, die Mitarbeiter eine Qualifikation. Für alle Beteiligten eine charmante Lösung.

Frage: Wie sieht die Nachqualifikation aus?

Herr Waiblinger: Die Mitarbeiter bekommen von ihrer Firma die Chance auf einen nachträglich erworbenen Abschluss. Weil sie oft bereits jahrelang eine vergleichbare Tätigkeit ausüben, also praktisches Wissen besitzen, ist eine wesentlich verkürzte Ausbildung etwa zum Industriemechaniker möglich. Für Teilnehmer ein persönlicher Erfolg, für die Firma ein Qualitätszuwachs. In der Krise kann es ein zusätzliches Motiv sein, selbst ausgebildete Fachkräfte während der Weiterbildungszeit zu beschäftigen und im Betrieb zu halten, bis die Konjunktur wieder anzieht.
 

StZ/StN

09.11.2009 - aktualisiert: 10.11.2009 14:15 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise