Viele Menschen erzählen außerhalb der Firma gern etwas über Betriebsinterna - erlaubt ist es nicht
Stuttgart - Gern erzählt die Betriebswirtin manchen Freunden und Bekannten die Interna der Consulting-Firma, für die sie arbeitet. Dass der Praktikant ein Projekt übernommen habe, für das er nicht qualifiziert sei. Dass ihr Arbeitgeber einen Verkehrsbetrieb berate, der technische Probleme habe. Dass sich manche Kunden in finanziellen Engpässen befänden. Ihre Stelle bei der Consulting-Firma will die Betriebswirtin schon lange kündigen. Bisher hat sie sich nicht getraut - wegen der Wirtschaftsflaute. Sie beklagt sich auch bei manchen Kollegen. Und die meckern ebenfalls - auch vor Betriebsfremden. "Das gemeinsame Motzen tut gut", sagt die 35-Jährige. In ihrer Branche seien 60 Wochenstunden üblich. Der Druck sei hoch, und ihre Chefs würden sie so gut wie nie loben.
Darf sie das? Fremden Betriebsinterna preisgeben? Aus juristischer Sicht: nein. So ist es in der Regel im Arbeitsvertrag festgeschrieben, bei Selbstständigen im Werkvertrag. Selbst wenn es dort nicht steht, könne der Chef erwarten, dass der Mitarbeiter schweigt, meint der Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer aus Stuttgart: "Wenn der Angestellte dagegen verstößt, kann der Arbeitgeber ihn abmahnen, in schweren Fällen sogar fristlos kündigen." Letzteres sei angemessen, wenn jemand beispielsweise behaupte, "dass in der Firma gegenüber Mitarbeitern und Kunden Nazimethoden verwendet werden." Für das Erzählen von Betriebsgeheimnissen kann der Arbeitgeber in schweren Fällen sogar Schadenersatz fordern, sagt Bauer. "Das kommt allerdings so gut wie nie vor, da das Unternehmen nachweisen müsste, dass die Äußerung des Angestellten Schaden verursacht hat."
Trotzdem plaudern viele Menschen gern über ihren Job. Sie klatschen und tratschen, meckern und motzen. Andere klopfen sich auf die Schenkel, wenn sie Anekdoten über Dritte hören, die sie gar nicht kennen: den dummen Chef, die Kollegin, die fremdgeht. "Klatschen sorgt für ein schönes, warmes Gefühl", sagt die Berliner Berufsberaterin Uta Glaubitz. "Aber strategisch klug ist es nicht." Heutzutage ist jeder mit jedem vernetzt. Oft genug empfehlen einen Freunde oder ehemalige Kollegen für eine neue Stelle, erhalten Freiberufler Aufträge von alten Bekannten oder Bekannten von Bekannten. Will ich jemanden empfehlen, dem ich beim Tratschen und Jammern zugehört habe?
Beim Vorstellungsgespräch loyal zum vorigen Arbeitgeber
"Ewiges Lästern zieht Energie", sagt Carolin Lüdemann, Business-Coach in Stuttgart. "Die meisten Menschen wollen auf Dauer nicht mit Bedenkenträgern zusammen sein, sondern mit Menschen, die gute Stimmung verbreiten." Astrid Habeder-Preuß von der Frankfurter Personalberatung Dr. Heimeier & Partner meint: "Von Führungskräften wird erwartet, dass sie Entscheidungen ihres Unternehmens nach außen mittragen." Will heißen: Auch wenn der Teamleiter intern die neue Strategie kritisiert hat, muss er sie gegenüber Betriebsfremden verteidigen. Im Vorstellungsgespräch sind Klagen über den früheren Betrieb ohnehin tabu. "Wenn ein Bewerber unqualifiziert über seine ehemalige Firma mault, muss er fachlich sehr viel mitbringen, dass ich ihn noch weiter berücksichtige", sagt Habeder-Preuß.
Also immer und überall schweigen? Carolin Lüdemann hält es für einen Fehler, alles, was den Job anbelangt, mit sich selbst auszumachen. Wer sich verändern und weiterentwickeln wolle, solle auch die Sichtweise des Partners, der besten Freundin einbeziehen. Berufliches solle man aber außerhalb der Firma höchstens in engem, vertrauten Kreis besprechen - mit Menschen, von denen man sicher weiß, dass sie es für sich behalten. Uta Glaubitz findet, dass Probleme im Job in die Praxis eines Coaches oder Psychotherapeuten gehören: "Auf keinen Fall würde ich Fremden auf einer Party davon berichten", sagt sie. Schließlich könne man nie wissen, wer wen kennt und ob er jemandem aus der Firma vom Tratsch erzählt. Dennoch geschieht oft genau das: Die Leute trinken ein Gläschen und lästern - auch über den Job. Die Betriebswirtin sieht in ihren Klagen über die Consulting-Firma gar eine Art Gesellschaftskritik. Sie sympathisiert mit linksgerichteter Politik und fühlt sich in der Beraterbranche fremd. Dass sie ihren Bekannten anhand von Beispielen aus ihrem Alltag zeigen kann, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form gar nicht so gut sei, behagt ihr: "Ich verrate doch keine Namen, nichts Konkretes." Und berichtet, dass sie sich vielleicht bei den Globalisierungskritikern von Attac engagieren werde. Oder doch endlich kündigen?
Lästermäuler sind oft mitverantwortlich für die Missstände
Ihre Geschichten erzählt sie pointiert - ihre Freunde hören gern zu. Sie ist der Mittelpunkt mancher fröhlichen Runde.
Dennoch lenken notorische Lästermäuler davon ab, dass sie für die Missstände, über die sie klagen, oft genug mitverantwortlich sind. "Es ist entlastend zu behaupten, dass Kollegin A ihren Job nur bekommen hat, weil sie mit Kollege B ins Bett gegangen ist", sagt Carolin Lüdemann: "Da muss ich nicht darüber nachdenken, dass ich selbst wegen mangelnder Qualifikation abgelehnt wurde." Uta Glaubitz bringt es auf den Punkt: "Es ist einfacher zu motzen, als den eigenen Hintern zu bewegen." Und: Was Lästermäuler über ihr Unternehmen erzählen, muss nicht stimmen. Vielleicht behauptet Herr C, dass es seiner Firma schlechtgehe, damit ich mich dort nicht bewerbe - und er keinen unliebsamen Konkurrenten bekommt?
Bleibt noch die Möglichkeit, sich auf einer Fachtagung oder bei einem berufsbezogenen Stammtisch über die Branche auszutauschen. Paul Martin Schäfer vom Württembergischen Ingenieurverband berichtet, dass seine Kollegen da über technische Fragen offen redeten. "Wenn es jedoch um konkrete Produkte und Verfahren geht, mit denen ihre Firma auf dem Markt besonders erfolgreich auftritt, schweigen sie lieber - aus Loyalität." Auch die freie Lektorin Berit Barth erzählt, dass sie und ihre Kollegen am Lektorenstammtisch eher über Fachliches redeten, zum Beispiel ungeschickte Formulierungen, Druckfehler und Ähnliches. "Ich habe das Gefühl, dass ich, wenn ich Vertraulichkeiten ausplaudern würde, keine Folgeaufträge mehr bekäme", sagt sie. "Allerdings habe ich so etwas noch nicht erlebt - auch nicht bei Kollegen."
Dennoch gehen viele Menschen zu Fachtagungen und Stammtischen, um dort etwas über Honorare und Geschäftsstrategien der Branche zu erfahren. Und wer zu einem beruflichen Netzwerk gehört, von dem wird erwartet, dass er etwas gibt und nicht nur davon profitiert, dass andere sich einbringen. Sich in engem Kreis sachlich über etwas auszutauschen, ist jedenfalls sinnvoller, als einfach nur zu motzen.