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Ungeduldiges Kind

Nautschoiss (II)

Nautschoiss, ein unbekanntes Wort? Von wegen! Die Leserzuschriften auf unsere Frage (Wissen Sie, was Nautschoiss ist?) stapeln sich. Aus Platzgründen können wir nur einige wenige veröffentlichen - bedanken tun wir uns bei allen Einsendern.

Frau Ruth Grieb aus Sindelfingen sind bei dem Begriff ernste Zweifel gekommen: "Ist das wirklich Schwäbisch? Wenn ich das so lese, klingt das für mich wie: No choice! Keine Wahl." In diese Richtung denkt auch Leser Jochen Heim: "Nautschoiss ist denglisch und kommt vom höheren Schulhof. Es bedeutet auf gut Schwäbisch so viel wie: absolut, alternativlos, unbedingt." Leserin Irma Körner aus Waiblingen hat eine andere Interpretation. Demnach bedeutet (G)nautschoiss: ,Du bist so ungeduldig wie eine zum Ausdrücken (Gnautsch) parate, eitrige Furunkel (oiss)." Wiederum anders die Begriffsdeutung von Günter Trefz aus Marbach: "Das schwäbische Wort Nautschoiss dürfte ,Notscheißer' heißen. Der "Nautschoiss" ist ein Mensch, der nicht warten kann." Leserin Ilse Weller aus Heumaden formuliert griffig: "Bei uns im Welzheimer Wald ist der Nautschoiss ein Nautscheißer, ein Kind, ein Nautscheißerle. Naut = Not, den zweiten Wortteil versteht auch ein Nichtschwabe. Wenn man nervös ist und viel zu früh zur Bushaltestellte geht, um die Abfahrt nicht zu verpassen, ist man ein Nautscheißer."

Unser Sprachforscher Helmut Groner variiert: "Zunächst ist festzuhalten, dass dieser Begriff nichts mit dem Wort "Scheiß" zu tun hat, denn dieses Wort kann im Schwäbischen nie als Schòeß ausgesprochen werden. Um dies zu belegen, untersuchen wir den Satz: Auf der Weide steht eine Weide. Jedermann versteht aus dem Zusammenhang, dass mit der ersten Weide eine eingezäunte Fläche gemeint ist und mit der zweiten Weide ein Baum. Beide Begriffe werden mit "ei" geschrieben. Wer aber genau hinhört, vernimmt bei der Weide (Baum) ein "ei" und bei der Weide (Grasfläche) ein "ae". Wörter mit "ae" wurden schon vor 2000 Jahren so gesprochen, Wörter mit "ei" erhielten erst im 12. Jahrhundert durch eine Lautverschiebung (i - ei) diese Sprechweise (zit - zeit). So wurde aus der Wide die Weide.

Was hat dies nun mit dem Nautschoiss oder Naotschòeß zu tun? Es ist ein ehernes Sprachgesetz, dass im Schwäbischen nur Wörter mit der Aussprache ae die Sprechform òe oder òå aufweisen. Schòeß kann somit nicht von Scheiß mit ei abstammen, sondern nur von Scheiß mit ae. Und dieses Schaeß findet man in Fischers Schwäbischem Handwörterbuch mit der Bedeutung: "Furz, und zwar nicht der trockene, sondern der nasse." Das führt uns auch zum Verständnis von Naotschòeß. Eine Person, die sich in der Situation befindet, dass ihrem Darm nasse Exkremente urplötzlich entweichen, ist in einer Notlage und ständig auf dem Sprung, einen passenden Ort aufsuchen zu müssen. So ist ein Naotschòeß jemand, der nichts abwarten kann, egal aus welchen Gründen."
 

Gregor Preiß

10.11.2009 - aktualisiert: 10.11.2009 14:22 Uhr

 



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