Wenn eine Stadt ein sinnliches Erlebnis ist, dann muss man sie auch riechen können. Nur, wie riecht eigentlich Stuttgart? Hätte man mich das in den sechziger Jahren gefragt, als die Zigarettenmarke Peter Stuyvesant uns den "Duft der großen, weiten Welt" versprach, dann hätte ich gesagt, die Stadt stinkt zum Himmel. Vor allem an brütend heißen Sommertagen, wenn sich zu dem Pesthauch auch noch Mücken gesellten. Aber so ist das, wenn man am tiefsten Punkt der Stadt wohnt, in Mühlhausen.
Alles, was den Gesetzen der Schwerkraft gehorchend aus Stuttgart hinausfließt, landet in Mühlhausen, dem Sitz des Hauptklärwerks. Da Mühlhausen im äußersten Norden der Stadt liegt, also dort, wo für Landeshauptstädter die Zivilisation aufhört und der Landkreis Ludwigsburg beginnt, traf es einen in doppelter Weise, wenn irgendwelche Remstäler nach einem Besuch lästerten, man wohne wohl am Arsch der Stadt.
Aber so merkwürdig das klingt, so ein Gschmäckle hat auch was Vertrautes. Es ist wohl so, wie wenn ein Landwirt auf seinen Hof einbiegt und ihm der Misthaufen entgegenmüffelt. Wenn wir als Kinder nach längeren Autofahrten heimkamen, konnten wir die Augen zulassen. Wir wussten stets, wann wir daheim sind.
Später habe ich oft Leute beneidet, die in der Tübinger Straße leben. Gut, die Gefahr, dass man beim Überqueren der Straße von einem Bierlaster überrollt wird, war nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber das Aroma, das die Brauerei Dinkelacker verströmt, daran könnte ich mich gewöhnen.
Inzwischen arbeitet das Hauptklärwerk weitgehend geruchsneutral. Nur manchmal, wenn ich am Neckarufer entlanglaufe, vorbei an stillgelegten Faulbecken, glaube ich ein vertrautes Lüftlein zu riechen. Den Duft der kleinen, nahen Welt.