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Proteste gegen Jobabbau

Ausverkauf bei Alcatel geht weiter

Foto: Kraufmann

Stuttgart - Aus Empörung über erneuten Stellenabbau beim Telekommunikationsausrüster Alcatel sind gestern Beschäftigte in ganz Europa auf die Straße gegangen. Der Betriebsrat in der Deutschlandzentrale in Stuttgart sprach in einer Resolution von einem „noch nie da gewesenen katastrophalen Kahlschlag“. Allein an den deutschen Standorten sollen bis Ende nächsten Jahres 450 der derzeit noch knapp 4500 Arbeitsplätze wegfallen. Weitere 800 Stellen sind bundesweit gefährdet, weil Alcatel Aufgaben zu Kooperationspartnern verlagert oder sich von Geschäftsfeldern trennen will. „Wir fordern den Vorstand der Alcatel-Lucent Deutschland AG und die Konzernleitung in Paris auf, von diesen wirtschaftlich unsinnigen und unsozialen Vorhaben abzulassen“, erklärt der Gesamtbetriebsrat in einer Resolution. Insgesamt gefährden die Maßnahmen fast ein Drittel der deutschen Belegschaft.

Der Jobabbau ist Folge eines weltweiten strategischen Umbaus innerhalb Alcatel-Lucents. Seit Jahresbeginn investiert der Telekommunikationsausrüster vorwiegend in vier Kerngeschäftsfelder, darunter Breitbandtechnologien und optische Nachrichtentechnik. Randaktivitäten droht der Verkauf, das betrifft beispielsweise 630 Beschäftigte in Bonndorf im Schwarzwald, die Kleinmotoren herstellen. Zudem vereinfacht das Unternehmen Prozesse wie Rechnungslegung und Auftragsverwaltung und arbeitet enger mit Partnern zusammen. 114 IT-Arbeitsplätze wandern in dem Zug zu HP, 66 zum Softwarekonzern Wipro. Durch den Umbau in der Verwaltung fallen hingegen zahlreiche Stellen ersatzlos weg, hinzu kommen überflüssige Jobs in Servicebereichen.

"Ich rechne damit, dass es im nächsten Jahr Kündigungen gibt", sagte Harald Kalmbach, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Alcatel-Lucent in Deutschland. Zwar hat das Unternehmen im Sommer für insgesamt 150 Mitarbeiter Abfindungen angeboten, wenn diese freiwillig gehen. Das Programm werde bisher aber "sehr schleppend" angenommen. Der Betriebsrat fürchtet, dass die angekündigten 450 Stellenstreichungen nicht die letzten sein werden. 90 Mitarbeiter in der optischen Nachrichtentechnik arbeiten zurzeit kurz, im Dezember kommen weitere Mitarbeiter in der Mobilfunktechnik hinzu. Wie es bei anhaltender Auftragsflaute nach der Kurzarbeit weiter geht, kann niemand abschätzen.

Alcatel baut seit Jahren massiv Personal ab, zwischen 2001 und 2003 schrumpfte der Konzern durch den Abbau von rund 60 000 Arbeitsplätzen weltweit auf die halbe Belegschaftsgröße. Seit der Fusion mit dem US-Wettbewerber Lucent 2006 laufen jedes Jahr freiwillige Abbauprogramme, 2007 wies das frisch-fusionierte Unternehmen den Rekordverlust von 3,5 Milliarden Euro aus. Im aktuellen dritten Geschäftsquartal stand unterm Strich ein Verlust von 182 Millionen Euro.

Ebenfalls 2007 verkaufte Alcatel sein lukratives Bahntechnikgeschäft unter dem Protest des Betriebsrats an den Thales-Konzern. Die Kritik hält an: "Wir brauchen nicht weniger Geschäftsfelder, sondern zusätzliche und zukunftsfähige", fordern die Arbeitnehmervertreter. Neben dem Management kritisieren sie die Politik. Internet und Telekommunikation seien Schlüsseltechniken, sagte Kalmbach. "Wenn die Politik nicht aufpasst, wird das Know-how von Europa nach Asien verschwinden."
 

Petra Otte

10.11.2009 - aktualisiert: 11.11.2009 13:23 Uhr