Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.11.2009
2012
Ein Riss geht durch die "Schöpfung"
Längst ist die Apokalypse nur noch eine Möglichkeit, das Ende der Zeitrechnung der Maya am 20. Dezember 2012 zu deuten; es könnte auch eine fundamentale Umwälzung gemeint sein, etwa eine entgleisende Weltfinanzkrise. Emmerich benützt das Datum eher plakativ und hat sich für eine pseudowissenschaftliche Variante entschieden, die er gleich zu Beginn zügig abhandelt: Eine Planetenaufreihung verursacht eine Sonneneruption, in deren Folge sich der Erdkern aufheizt und die Erdkruste instabil wird. Dann kommt er zu den Dingen, die ihn eigentlich interessieren: Die physische Katastrophe und wie Menschen mit der Extremsituation umgehen, die sie hier ausnahmsweise nicht einmal selbst verschuldet haben.
Kaum jemand kann solche Stoffe spektakulärer inszenieren als Emmerich und sein Effekspezialist Volker Engel: Sie verwandeln den Yellowstone-Nationalpark in ein vulkanisches Inferno, lassen ganz Kalifornien ins Meer stürzen, als der San-Andreas-Graben aufbricht, und lassen einen gigantischen Tsunami ein riesiges Kreuzfahrtschiff umkippen. Das war in dieser Dimension, Wirklichkeitsnähe und Ballung noch nicht im Kino zu sehen und entfaltet in Details besondere Wirkung - wenn eine Riesenwelle den Flugzeugträger John F. Kennedy nach Washington spült, wo er genau aufs Weiße Haus fällt und es zermalmt, wenn sich in Michelangelos Gemälde "Schöpfung" in der Sixtinischen Kapelle in Rom ein Riss genau zwischen den sich berührenden Fingern Gottes und Adams bildet.
Die Protagonisten fliehen vor den losbrechenden Naturgewalten, zunächst per Auto, während ringsherum die Straßen aufreißen und Autobahnbrücken einstürzen, dann im kleinen Jet mitten durch kollabierende Wolkenkratzer und schließlich in einer riesigen russischen Antonow, als sich bereits Abgründe auftun wie die Schlünde der Hölle, in denen ganze Städte verschwinden. Dass das x-fach haarscharf gut geht, gehört zum Genre und zum Geschäft, und wer sich auf das realistisch anmutende, aber völlig absurde Szenario einlässt, dem ist zumindest eines sicher: Langweilen wird er sich nicht.
Der menschliche Teil des Films ist heikler, Emmerich hat in dieser Hinsicht schon einiges hinter sich - zum Beispiel eindimensionale Anticharaktere wie die nervensägende Journalistin in "Godzilla" oder angebliche Gutmenschen, die Grundschülern das Erschießen von Menschen nahelegen, wie in "Der Patriot". Derlei bleibt dem Publikum diesmal erspart: Emmerich und sein CoAutor, Komponist und Produzent Harald Kloser haben ein gut ausbalanciertes Tableau sehr unterschiedlicher Figuren ersonnen, deren Schicksale geschickt miteinander verknüpft und veritable Stars angeheuert. John Cusack nimmt man den mäßig erfolgreichen Autor ab, der in der Katastrophe zum Helden wächst und seiner Patchwork-Familie inklusive Ex-Frau (Amanda Peet) wieder näherkommt. Woody Harrelson glänzt als überdrehter Radio-Freak, der von Yellowstone aus über den Weltuntergang berichtet. Danny Glover entschließt sich als sanfter US-Präsident, sich nicht evakuieren zu lassen, sondern in Washington bei den Menschen zu bleiben; und Charakterschädel Zlatko Buric gibt einen russischen Milliardär als wunderbar kantige Ego-Maschine.
Als Stellvertreter für den Kampf zwischen Moral und Pragmatismus fungieren ein junger Geologe (Chiwetel Ejiofor) und ein Polit-Profi (Oliver Platt), die gleich mehrere Dispute ausfechten: Wann soll die Öffentlichkeit informiert werden, dass das Ende bevorsteht? Ist es gerechtfertigt, alle umzubringen, die nicht den Mund halten wollen, darunter auch den Chef des Pariser Louvre, nur um öffentliche Panik zu vermeiden? Und darf man Tausenden beim Sterben zuschauen, wenn in der rettenden Arche, die ohnehin nur einem Bruchteil Raum bietet, noch Platz gewesen wäre?
Bilder und Fragen biblischen Ausmaßes sind das, und Emmerich lässt mehr Tiefe und Differenzierung zu, als in Hollywood-Blockbustern üblich. Dazu gehört ein Plädoyer für Völkerverständigung, bei dem nicht nur die deutsche Kanzlerin besser wegkommt als die egoistischen Amerikaner, sondern sogar Russen und Chinesen.
Allzu viel Maya-Mystik hätte dazu nicht gepasst, ein wenig mehr hätte es aber schon sein dürfen - es wäre sicher reizvoll gewesen, wie Emmerich und seine Spezialisten den hochkompliziert strukturierten Maya-Kalender ins Bild setzen.
Bernd Haasis
12.11.2009 - aktualisiert: 12.11.2009 11:47 Uhr