Suche nach Kinofilmen
 
 



Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.11.2009

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte

Wenn das Nehmen Prinzip ist

"Roger & Me" hat ihn vor genau 20 Jahren schlagartig bekanntgemacht. Seither ließ Michael Moore kein brisantes Thema aus, um seine Kritik an gesellschaftspolitischen Missständen in den USA via Dokumentarfilm loszuwerden, zum Beispiel in Sachen Gesundheitssystem oder Waffengesetze. Wer "Bowling for Columbine" (2002), "Fahrenheit 9/11" (2004) oder "Sicko" (2007) gesehen hat, kennt seinen Stil: Michael Moore provoziert, spitzt zu. Aber in seinen Filmen findet sich immer mehr als ein Körnchen Wahrheit - Moore informiert bewusst einseitig, ganz sicher subjektiv, weil er überzeugen möchte.

"Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" lautet der ironische Titel seines neuesten Werks, in dem er nicht nur den Kapitalismus als solchen an den Pranger stellt, sondern auch sich selbst als Kind des Kapitalismus genauer beleuchtet. Er untersucht die Macht der Wall-Street-Banker, die Machtlosigkeit von Politikern, Korruption, Gier und Pleiten von großen Unternehmen und kleinen Leuten. Für seine Thesen liefert er Beispiele, mixt sie munter, mitunter reißerisch, mit Interviews, alten Familienfilmen aus der Kindheit oder mit Fernsehfilmen etwa aus den 1950er Jahren. Das Prinzip bleibt, die Satire auf die Spitze zu treiben. Mutig geht er, durchaus mit seiner Körperfülle kokettierend, durch die Straßen, um in eine Bank zu kommen und Rechenschaft zu verlangen. Er streift amerikanische Geschichte und die Biografien US-amerikanischer Präsidenten, befragt Betroffene, katholische Priester und Politiker, zitiert die Gründungsväter der Vereinigten Staaten.

Hassliebe zu einem Land voller Widersprüche

Er legt sich mit den Großen und Mächtigen an, ist dabei, wenn Menschen ihr ehemals eigenes Haus verlassen müssen und ihnen dabei sogar die Würde abhandenkommt, weil sie es für 1000 Dollar noch für die Neubesitzer blitzblank schrubben. Moore bringt Piloten vor die Kamera, die für Niedriglöhne fliegen und sich mit ein, zwei Nebenjobs über Wasser halten. Er besucht Angehörige verstorbener Walmart-Mitarbeiter, für die das Unternehmen ohne deren Wissen eine üppige Lebensversicherung abgeschlossen und nun einkassiert hat. Moore klagt an: "This is Capitalism. A system of taking and giving. More taking." Seine Anklage gegen das Übergewicht des Nehmens ist spannend, atemlos - und hoffnungslos überladen.

Eineinhalb Jahre hat Moore gedreht. Die Wirtschaftskrise hat er eingefangen. Obamas Wahlsieg stand noch aus. Sein Kommentar: "I refuse to live in a country like this. And I am not leaving - Ich weigere mich in einem Land wie diesem zu leben. Und ich werde es nicht verlassen." Mit der Hoffnung auf einen Neuanfang endet seine satirische Liebesgeschichte. Europa erwärmt sich für diese Hassliebe - auf dem Filmfestival in Venedig wurde der Streifen als erster Dokumentarfilm frenetisch beklatscht und gefeiert. Und Michael Moore? Er sagt, dass er es leid sei, in seinem Streiten alleine zu sein. Und doch wird er diesen Weg weitergehen - hoffentlich.
 

Eva Maria Schlosser

12.11.2009 - aktualisiert: 12.11.2009 13:15 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise