Der Maler Heribert C. Ottersbach über seine Arbeit
Stuttgart - Öffentliche Museen müssen auch in Sparzeiten als kulturhistorische Tresore bestehen bleiben - "sonst", sagt der in Köln und in Schweden lebende Maler Heribert C. Ottersbach in der Stuttgarter Galerie Klaus Gerrit Friese, "droht ein Demokratieverlust".
Schon zum Auftakt des Abends in unserer Veranstaltungsreihe "Über Kunst" zeigt sich Ottersbach. Als Maler und Lehrer, sagt Ottersbach, fühle er sich "umzingelt von Kulturpolitikern, die uns sagen, was Kunst ist". Aber auch die spekulative Haltung mancher Sammler und Sponsoren erbost den Maler. Kunst, sagt Ottersbach, dürfe nicht beworben werden wie ein neues Parfüm. "Diese Maßlosigkeit dürfen wir uns nicht bieten lassen, die Kunst gehört zum Menschen", sagt Ottersbach - gerade in der gegenwärtigen Gesellschaft des "Spezialistentums einer Ingenieursgesellschaft".
Mit diesem Impetus hat der 1960 geborene Maler auch die Nachfolge von Neo Rauch in Leipzig angetreten. "Es schadet nichts, wenn Studenten der Malerei Vorlesungen in Philosophie und Kunstgeschichte hören, es muss ja nicht im Staatssicherheits-Hochdeutsch sein", sagt Ottersbach im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter der "Stuttgarter Nachrichten". Dem Prinzip der Interdisziplinarität verpflichtet, hält Ottersbach nun etwa Vorlesungen über Bildwelten im Film - aktuell am Beispiel der Filme von Andrej Tarkowskij. Im Fokus der Auseinandersetzung: das Phänomen Zeit in Film und Malerei. Ottersbach sieht in Tarkowskijs "Stalker" eine ganz eigene morbide Farbigkeit.
Hat also der Lehralltag in Leipzig den Wirbel um seine Berufung bereits vergessen gemacht? "Das war", sagt Ottersbach, "ein Sturm im Wasserglas." Pensionisten und Traditionalisten hätten gegen ihn gehalten, ihn als Nicht-Handwerker der Malerei verunglimpft. "Anfangs gab es gewisse Ressentiments, jetzt habe ich die größte Klasse, und ich kann wirklich sehr frei arbeiten", sagt der Maler fröhlich.
Vor allem die Nutzung elektronischer Geräte war Ottersbach in Leipzig vorgehalten worden. "Eine Digitalkamera habe ich tatsächlich fast immer dabei", sagt er, "aber eben auch einen Notizblock." Bis hin zum Computerprogramm Photoshop dienten die Hilfsmittel der Informations- und Urteilsbildung - und seien auch zeiteffektive Instrumente der Bildfindung. "Caravaggio arbeitete mit der Camera obscura, Gerhard Richter mit Diaprojektoren - strukturell ist das das Gleiche", sagt Ottersbach. Grundsätzlich sei die Technikfaszination ein Aspekt der Moderne, gehöre der Blick über den Tellerrand hinaus zum Kanon der Kunst.
Als "eher leise" skizziert Forstbauer Ottersbachs Bildwelt - und der Maler sieht dies auch als Reaktion seiner Prägung als Kind der Popkultur und einer Elterngeneration der Achtundsechziger. "Wir diskutierten solange, bis einer recht hatte", sagt Ottersbach amüsiert. Die Provokation als Stilmittel aber sei nicht sein Weg, sie koste zu viel Energie.
Das fertige Bild - entstanden in einem physischen, einsamen Akt der Klärung - ist für Ottersbach ein "vorläufiges Resultat" seines "erkenntnistheoretischen Interesses". "Ich sage nicht, das ist es, ich sage, das könnte es sein", summiert Ottersbach.
Seinen Erfolg, den er Glücksgefühl nennt, zieht er aus der Übereinstimmung von persönlicher Klärung mit Klärungsprozessen in der Gesellschaft. Die Malerei, sagt Ottersbach, muss den Tunnelblick aufgeben, sich als eine der beiden Arten von Kommunikation (die zweite sei die Sprache) wieder mehr in die Gesellschaft einmischen. In der künstlerischen Debatte des 20. Jahrhunderts sei der Gegenstand abhandengekommen. Ottersbach wehrt sich auch deshalb mit dem Satz "Weniger ist nicht länger mehr" gegen immer größere Formate und immer weniger Inhalt.
Die Gesellschaft ist im Umbruch, welche Rolle spielt die Kunst in der Moderne? In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Förderung junger Künstler. "Viele hoffnungsfrohe Menschen studieren Kunst, doch wer von ihnen kommt zur Spitze?", fragt Ottersbach zurück. "Eine Eistüte an die Wand zu nageln, darunter zwei Möhren zu befestigen und von einer Installation zu sprechen" sei in den 1990er Jahren förderfähiger gewesen als ein elegant gemaltes Bild. "Oft war die Förderung dort, wo kein Talent war", lächelt der Maler fein. Und betont zugleich, die Kunst bleibe gerade in unserer Zeit eine ganz eigene Kraft.