Artikel aus der Filder Zeitung vom 16.11.2009
Echterdingen. Ausnahmegenehmigungen fehlen, und der Echterdinger Tunnel ist womöglich zu schmal. Von Tim Höhn und Norbert Leven
Eine weitere Ecke kommt hinzu, wenn sich Wölfles Vermutung bestätigt. 614 Meter lang und in einem Streckenabschnitt nur neun Meter breit ist der Tunnel von Echterdingen nach Leinfelden, der bislang ausschließlich für die S-Bahn genutzt wird. Künftig aber, so wollen es die Stuttgart-21-Planer, sollen zusätzlich Regional- und Fernverkehrszüge durch die Röhre rollen. "Aber wir haben Hinweise, dass der Tunnel für Mischverkehr zu schmal ist", erklärt Wölfle. Vor wenigen Tagen wandte er sich mit dem Thema an die Landesregierung, die nun gezwungen ist, zügig auf seine Anfrage zu reagieren. Parallel dazu baten die Grünen im Leinfelden-Echterdinger Gemeinderat ihre Stadtverwaltung, bald über den Planungsstand zu berichten. "Sind an Gleisen und Tunneln bauliche Veränderungen notwendig?", fragt die Fraktion.
Es könnte schwer werden, eine eindeutige Antwort zu finden. Die Filder-Zeitung hat es versucht, und zwar beim zuständigen Eisenbahnbundesamt (EBA) in Bonn. Wölfle geht davon aus, dass der Tunnel gemäß den EBA-Sicherheitsvorgaben mindestens 9,40 Meter breit sein müsste. "Diese Angabe ist so nicht richtig", teilt das Amt per E-Mail mit. Vielmehr sei der Tunnelquerschnitt von mehreren Faktoren abhängig, etwa der Anzahl der Gleise, der Art des Verkehrs, dem Streckenverlauf. Diese Parameter allerdings sind bekannt, auch in Bonn, und trotzdem trifft das Amt keine konkrete Aussage. Frage: "Ist der Tunnel für das, was vorgesehen ist, zu schmal?" Die Antwort des EBA im Original-Duktus mit allen Fehlern: "Eine Aussage, zu Ihrer Frage ob eine Tunnelbreite von 9 m als ausreichend anzusehen ist, kann derzeit nicht erfolgen, da das Verfahren zum Nachweis der mindestens gleichen Sicherheit noch nicht abgeschlossen ist."
Was immer dies bedeuten mag: Souverän klingt es nicht. Vage heraushören lässt sich immerhin, dass die Gegebenheiten geprüft werden. "Wenn unser Verdacht zutrifft, bliebe wohl nur die Möglichkeit, den Tunnel mit immensem Aufwand zu verbreitern", sagt Wölfle. "Oder die Planer müssten zugeben, dass sie Sicherheitsmängel in Kauf nehmen."
Auch die Verwaltungsspitze in L.-E. will Aufklärung. Wohl wissend um die Zurückhaltung des EBA wird ein externes Planungsbüro eingeschaltet. "Wir lassen das von neutralen Experten prüfen", sagt Bürgermeister Frank Otte. Die Stadt wolle vor Beginn des Planfeststellungsverfahrens alle relevanten Informationen beisammen haben. Wann die Planfeststellung, vergleichbar mit einem Baugenehmigungsverfahren, beginnt, ist unbekannt. Wie kürzlich berichtet, muss der Bundesverkehrsminister für den Fernverkehr zwischen Rohr und Flughafen eine Sondergenehmigung erteilen, weil die Gleise stellenweise zu dicht beieinander liegen. "Langsam wird es zeitkritisch für Stuttgart 21 insgesamt", sagt ein mit dem Bahnprojekt maßgeblich beschäftigter Experte, der jedoch nicht namentlich zitiert werden möchte. Bei der für Stuttgart 21 zuständigen Projektgesellschaft wundere man sich darüber, dass die vor rund eineinhalb Jahren beantragte Ausnahmegenehmigung noch nicht vorliege.
Der Experte spricht in diesem Zusammenhang von einem "hochsensiblen Thema für Stuttgart 21", das bis in die höchste Führungsetage der Bahn hinein bekannt sei. Falls der Fernverkehr nicht erlaubt werde, drohten Mehrkosten von bis zu 100 Millionen Euro für eine alternative Streckenführung. Für die Ertüchtigung der vorhandenen Strecke und des Bahnhofs im Airport seien hingegen nur zehn Millionen Euro kalkuliert. Den Projektverantwortlichen spielt der Wechsel im Verkehrsministerium von Wolfgang Tiefensee (SPD) zu Peter Ramsauer (CSU) offenbar überhaupt nicht in die Hände. "Dadurch geht mal eben mindestens ein halbes Jahr verloren", mutmaßt der Bahnexperte.
16.11.2009 - aktualisiert: 16.11.2009 06:01 Uhr
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