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... warum wir Stuttgart lieben (39)

Die Stadtbahn

Foto: Eppler

Klassenlos in Bewegung
 

Sie ist sehr eigentümlich, unsere Stadtbahn. Auswärtige aus größeren Städten fragen sich stets, ob das nun eine Straßenbahn oder eine U-Bahn ist. Die richtige Antwort lautet: beides.

Praktisch und technisch geschickt wie wir sind, haben wir aus der rumpelnden Strambe von einst eine moderne Bahn gebastelt, die steile Hügel erklimmt, aber auch im Untergrund vorankommt. Doch dieser Zwitter ist nicht nur, wie es so schön heißt, umweltfreundliches Verkehrsmittel, sondern unser rollender Schmelztiegel - ein Melting Pötle.

Wo sonst treffen sich so verschiedene Menschen? Obwohl die Stadt klein, gedrängt und eng ist, haben es die Milieus doch verstanden, sich abzugrenzen. Stuttgart ist in Schichten angelegt. Wer Geld hat, entflieht nach oben. Man zieht hinauf, der frischen Luft entgegen. Unten im Kessel dagegen wohnen diejenigen, die im Feinstaub keuchen. Oben im Grünen wohnen die, die entscheiden, dass Feinstaub nicht schlimm sei.

Vorstände und Arbeiter, Migranten und Urschwaben, Kinderlose und Großfamilien, Stadträte und Wähler, Mieter und Häuslebesitzer, Beamtenwitwen und Penner, selten begegnen sie sich, aber an einem Ort prallen sie aufeinander: in der Stadtbahn. Die S-Bahn nimmt, wer von außen kommt. Wer sich in Stuttgart bewegt, fährt Stadtbahn. Klassenlos. Eine erste oder zweite Klasse gibt es nicht.

Fährt ein Paar mit der U 7 vom Killesberg in die Oper. Am Eckartshaldenweg steigt ein Berber zu und setzt sich neben die Frau. Die rümpft die Nase, zieht 20 Euro aus dem Geldbeutel und sagt: "Fahren Sie bitte zum Bad Berg und waschen Sie sich!" Vorige Woche erlebte ich, wie sich in der U 5 zwei honorige Herren gegenseitig Grasdackel hießen. Es ging um Stuttgart 21. "Bäumevernichtender Technokrat" und "Ökospinner" schimpften sie sich. So lautstark, dass sogar Jugendliche nebenan innehielten, die gerade Wodka in ihre Limoflasche träufelten. Gut, dass sie da waren! Die Streithähne vertrugen sich, um über die Jugend von heute zu bruddeln: "Nur noch Komasäufer! Wo soll das hinführen?"

In der U 11 Richtung Neckarpark auf dem Weg zum Stadion oder zum Volksfest gibt's ohnehin keine Klassengesellschaft. Da steht der Regierungsrat Hüfte an Hüfte mit dem Arbeitslosen, der Rassist Bauch an Po mit dem Asylanten, der Steak-Esser drückt sich gegen den Veganer, der Säufer sucht Halt beim Abstinenzler. Eigentümlich? Fürwahr. In der Stadtbahn rollt eben das Leben.
 

Frank Rothfuss

16.11.2009 - aktualisiert: 16.11.2009 15:46 Uhr

 



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