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Staufen hebt sich

Schwarzer Peter geht nach Österreich

Foto: dpa

Staufen - Seit zwei Jahren hebt sich Staufen jeden Monat um einen Zentimeter, und seit zwei Jahren wird gerätselt, wie es dazu kommen konnte. Bald wird ein mit Spannung erwartetes Gutachten vorgestellt, dessen wichtigstes Ergebnis Staufens Bürgermeister schon mal vorweggenommen hat: Die Bohrfirma sei schuld. Sie habe den falschen Zement verwendet.

In Staufen bewegt sich was, und das nicht nur im negativen Sinn: An die Hebungen, die seit nunmehr zwei Jahren andauern, haben sich die 7700 Einwohner fast schon gewöhnt. Aktuell weisen 234 Gebäude Risse auf, nach wie vor hebt sich die Erde im Schnitt um einen Zentimeter pro Monat. Nun aber scheinen die Betroffenen und Verantwortlichen endlich auch der Antwort auf die quälende Frage näherzukommen, wie das alles passieren konnte.

Wie es aussieht, ist der Zement schuld daran. Zumindest in großen Teilen. Bürgermeister Michael Benitz argumentiert, die bei den damaligen Erdwärmebohrungen verwendeten Sonden seien falsch abgedichtet worden. Dies habe eine Materialprüfung ergeben. Der von der Bohrfirma benutzte Zement sei entgegen den Auflagen des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau "vermutlich nicht sulfatfähig" gewesen.

Das Landesamt, auf dessen Gutachten Benitz sich beruft, will erst noch die endgültige Erkundung abwarten. Doch ein Sprecher verrät schon jetzt: Die Hypothese, mit der man die Untersuchung gestartet habe, sei durch die Messwerte "an keiner Stelle widerlegt" worden. Damit besteht auch für das Landesamt der Verdacht, dass die Bohrungen falsch abgedichtet worden sind. Das Wasser komme an Stellen vor, wo man es eigentlich nicht erwartet hätte, so der Sprecher weiter. Die Experten haben offenbar herausgefunden, dass die Zusammensetzung des Zements für die Bohrlöcher der Sonden nicht dem entsprach, was der Bohrfirma im Auftrag der Stadt Staufen vorgegeben worden war: nämlich gegen Schwefelsäure beständig zu sein. Dadurch ist wohl Grundwasser in die darüber liegende Gesteinsschicht gelangt. Diese verwandelt sich in Kombination mit Wasser zu Gips, quillt auf - und lässt den Boden anheben.

Noch steht die These aber nur unter Vorbehalt: Anfang 2010 soll das Gutachten offiziell vorgestellt werden.

Die Juristen bereiten sich schon jetzt auf eine harte Auseinandersetzung vor. Staufens Bürgermeister hat angekündigt, Klage gegen die Firma und den Planer erheben zu wollen. Besagtes Unternehmen, die Firma Wälderbau aus Österreich, will seine Anwälte sprechen lassen. Geschäftsführer Bertram Dragaschnig sagte auf Anfrage nur: "Wir haben nicht den falschen Zement verwendet." Kommen die Gerichte zu einer gegenteiligen Einschätzung, könnte dies das Aus für die Firma bedeuten: Die Sachschäden in Staufen werden schon jetzt auf über 50 Millionen Euro geschätzt.

Wie und wann die betroffenen Hausbesitzer entschädigt werden, steht noch nicht fest. Staufen selbst klagt mit einem Defizit von zwei Millionen Euro über ein "Riesenloch" in der Stadtkasse. Das Land hat von den zugesagten 2,5 Millionen Euro für Untersuchungen und Gegenmaßnahmen bisher 630. 000 Euro überwiesen. Es könnte sich bald mit einer Klage der Geschädigten konfrontiert sehen - deren Anwälte sehen nämlich auch ein Verschulden der Genehmigungsbehörden, die zu schlampige Voruntersuchungen geleistet hätten.

Die Stadt unweit von Freiburg will als Nächstes den Grundwasserspiegel absenken. Dadurch soll die um 20 Zentimeter aufgequollene Gipskeuperschicht trockengelegt werden. In einem zweiten Schritt ist geplant, die Bohrlöcher für die Sonden mit Spezialzement abzudichten. Fünf bis sechs Monate sind dafür veranschlagt; ob danach alles gut wird, steht freilich in den Sternen. Bürgermeister Benitz rechnet jedenfalls damit, dass die Hebungen "noch eine Weile weitergehen, selbst wenn beide Maßnahmen supererfolgreich sind".

Supererfolgreich - diese Vokabel kennt die Geothermiebranche nur aus der Vergangenheit. Die Zahl der Bohrungen in Baden-Württemberg ist in diesem Jahr drastisch eingebrochen. Dass Staufen daran - neben der Wirtschaftskrise und ausgelaufener Förderprogramme - eine Hauptschuld trägt, ist unter Experten unstrittig. Auch die langanhaltenden Erdstöße nach einem geothermischen Großprojekt vor drei Jahren in Basel haben nicht dazu beigetragen, der erneuerbaren Energieform Auftrieb zu geben. Und dann auch noch das verunglückte Bohrprojekt in Wiesbaden vor wenigen Tagen , das die halbe Innenstadt unter Wasser setzte . . .

Der Geothermieverband spricht von "extremen Einzelfällen" und verweist auf jährlich 30.000 problemlos verlaufende Bohrungen. Die Krise freilich kann auch der Verband nicht wegreden. Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) beobachtet den Nachfrageeinbruch von 40 Prozent mit "großer Sorge". Sie will zusammen mit Wirtschaftsverbänden über ein umfassendes Qualitätsmanagement beraten. Derzeit werde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe vorbereitet.

In Staufen hat man aber erst mal genug von Erdwärme. Die Bohrlöcher für die Sonden, mit denen eigentlich das Rathaus umweltfreundlich beheizt und im Sommer gekühlt werden sollte, werden nicht mehr genutzt. Selbst wenn der Spuk irgendwann mal ein Ende haben sollte.
 

Gregor Preiss

17.11.2009 - aktualisiert: 16.11.2009 18:53 Uhr

 



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