Stuttgart - Die Wirtschaftskrise zwingt Unternehmer zum Sparen, diese Not macht einige offenbar erfinderisch: Arbeitnehmervertreter kritisieren einen wachsenden Druck auf Angestellte verschiedener Branchen, mehr Leistung wird immer schlechter bezahlt. Auch vom Stuttgarter Daimler-Gelände dringen Klagen.
Jasmin Herbert ist sauer. Zweieinhalb Jahre hat sie für die Reinigungsfirma Klüh gearbeitet, erst als Putzfrau, später als Objektleiterin. Statt sechs Stunden wie vereinbart war sie täglich mindestens zehn da, in dieser Zeit hat sie Vorstellungsgespräche geführt, Abmahnungen geschrieben, Reklamationen bearbeitet, Angebote zusammengestellt, das Lager bestückt, Müll weggebracht und selbst mitgeputzt. "Mir blieb kaum Zeit, auf die Toilette zu gehen, obwohl ich täglich so viele gereinigt habe", sagt die 23-Jährige bitter. Als sie begann, sich gegen die Überbelastung und weitere Missstände zu wehren, folgte Anfang Oktober die fristlose Kündigung.
Prekär: Die Firma Klüh reinigt im Auftrag Daimlers seit 2007 die Stuttgarter Autowerke, zudem kümmert sich der Düsseldorfer Konzern um die Hausmüllabfuhr und die Schrankverwaltung. In der Firmenzeitung "Klüh online news" wurde der Auftrag einst mit folgendem Satz gefeiert: "Alle Beteiligten sind überzeugt, dass mit Klüh der Daimler-Stern noch ein bisschen mehr strahlen wird." Daran bestehen nach den Aussagen von Jasmin Herbert und anderen Reinigungskräften im Mettinger Werk Zweifel: Mehrere frühere Beschäftigte berichten von Einschüchterungen durch Vorgesetzte, unbezahlten Überstunden und Vertragsverlängerungen gegen Gebühr. Herbert hat ihren ehemaligen Arbeitgeber mittlerweile wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Veruntreuung von Gehältern angezeigt.
Untertürkheimer Daimler-Betriebsräte verurteilen die Arbeitszustände auf ihrem Werkgelände. Der Autobauer habe es zur Kultur entwickelt, über Fremdfirmen Leistungen billiger einzukaufen, schimpft Betriebsrat Michael Clauss - prekäre Arbeitsbedingungen würden in Kauf genommen. Sogar klassisches Stammgeschäft in der Logistik wird nach Schilderung der Arbeitnehmervertreter mittlerweile von externen Dienstleistern erledigt, die ihrerseits unter schlechter bezahlten Leiharbeitern Personal rekrutieren. Laut Clauss wurden allein im Werk Untertürkheim rund 20000 Ausweise für Fremdfirmen ausgegeben - ebensoviele Stammbeschäftigte gibt es dort. Wer wie viel oder wenig verdient, ist im Fall der Logistikfirma nicht erkenntlich. "Alle Beschäftigten tragen die Kleidung der Spedition, damit man nicht sieht, wer Leiharbeiter ist", sagt Clauss. An dieser Stelle ist Unterscheidung unerwünscht, an anderer gilt das Gegenteil: Ein Daimler-Betriebsrat, der die Klüh-Beschäftigte Jasmin Herbert in seiner Arbeitszeit zu einem Vorgesetzten begleitet hat, erhielt dafür eine Abmahnung.
Solche und ähnliche Klagen hören Gewerkschaften mittlerweile aus vielen Firmen. "Um in ihrer Bilanz gut dazustehen, plündern sie die Beschäftigten aus", fasst die Stuttgarter Verdi-Sekretärin Christina Frank einen wachsenden Trend im Zuge von Wirtschaftskrise und Sparprogrammen zusammen. Befristete und schlecht bezahlte Arbeitsverträge seien keine Einzelfälle mehr, sondern häufig gängiges System, solche Strukturen gefährdeten mittlerweile ganze Branchen, kritisiert Bernd Riexinger, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Stuttgart. "Die Not der Beschäftigten auszunutzen wird schleichend zur Regel, wir haben große Befürchtungen, dass sich das weiter ausbreitet." Einem Diskussionsaufruf Verdis zum Thema Arbeitsbedingungen folgten vor einigen Tagen nicht nur Arbeitnehmervertreter von Daimler, sondern gut einem Dutzend weiterer regionaler Firmen.
Zum Beispiel von der Modekette H&M: Dort arbeite mittlerweile mehr als die Hälfte der Belegschaft befristet auf Stundenlohn-Basis, erzählt eine Stuttgarter Betriebsrätin, älteren Vollzeitbeschäftigten würden sukzessive Aufhebungsverträge angeboten. "Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen." Weil die Belegschaft unter dem Strich aber seit Jahren kleiner werde, muss der Einzelne für weniger Geld immer mehr Leistung bringen.
Auch bei den Wittwer Bahnhofsbuchhandlungen hat sich die Stimmung verschlechtert. Seit Januar gehören die bundesweit 19 Filialen zum Schweizer Valora-Konzern, der auch die Hamburger Bahnhofskette Stilke besitzt. Dort sollen Beschäftigte teils für Stundenlöhne um die sechs Euro arbeiten, erzählt eine Wittwer-Betriebsrätin. Nun geht auch in Stuttgart die Angst um, auf Dauer weniger zu verdienen oder durch einen Leiharbeiter ersetzt zu werden. Die Gewerkschaft Verdi warf dem Konzern schon vor Jahren vor, aus Tarifverträgen zu flüchten und Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Wie das geht, ist auch der Stuttgarter Kollegin zu Ohren gekommen: Weil Geld in der Kasse fehlte, wurde eine Kollegin angeblich mit Kündigung bedroht, sofern sie nicht aus eigener Tasche Ersatz leistet.
Ums Geld geht es auch beim Drogerie-Discounter Schlecker. Neu eröffnete, größere Filialen besetzt das Unternehmen mit Leiharbeitern, der Stundenlohn beginnt bei 6,78 Euro. Verdi nennt das "Lohn-Dumping", Unterstützung erhält die Gewerkschaft kurioserweise von der Zeitarbeitsbranche: Die beiden größten Verbände BZA und IGZ wehren sich dagegen, dass Unternehmen wie Schlecker Zeitarbeits-Tariflöhne umgehen, indem sie aus eigenen Leiharbeitsfirmen Personal rekrutieren. "Das ist eine Trickserei und schadet der Branche insgesamt", lautet die einhellige Meinung. Dagegen argumentierte Schlecker jüngst gegenüber Medien, befristete Arbeitsverträge seien normal, ebenso die Inanspruchnahme von Leiharbeitsfirmen. Der Valora-Konzern weist die Anschuldigungen zurück, Sechs-Euro-Löhne gebe es nicht, heißt es.
Die Gewerkschaften versuchen, Ausbeutung und Überbelastung mit Prozessen vor Arbeitsgerichten zu stoppen, seinen Job ist der betroffene Beschäftigte meist dennoch los. Laut einer Studie der IG Metall kehren im Schnitt nur zwei von 100 Klägern auf ihren Arbeitsplatz zurück, die übrigen geben sich - häufig zermürbt von jahrelangen Anfeindungen - mit einer Abfindung zufrieden und verlassen das Unternehmen. Oder, wie es Verdi-Vertreter Riexinger bei Daimler erlebt hat: "Daimler macht es sich einfach und wirft die Firma raus. Die Beschäftigten, die sich wehren, werden bestraft."
Ob dies auch im aktuellen Streit mit der Reinigungsfirma so läuft, bleibt abzuwarten. Der Autobauer erklärt auf Anfrage lediglich: "Wir werden den Sachverhalt prüfen und gegebenenfalls entsprechende Konsequenzen ziehen." Klüh selbst sieht die Anschuldigungen nach Aussagen eines Sprechers "gelassen": In dem hochangesehenen Unternehmen mit mehr als 38000 Beschäftigten "wird und wurde ordnungsgemäß abgerechnet", erklärt er. Nach einer Überprüfung durch Kollegen vor Ort sehe man "kein Verschulden unsererseits".
Ähnliche Gelassenheit hat sich auch der Betriebsrat eines US-Logistikunternehmens angewöhnt. Bei dem Verdi-Treffen berichtet er von sich seit Jahren wiederholenden Gehaltskürzungen, Kündigungen und Abmahnungen. 2010 will er trotzdem wieder als Arbeitnehmervertreter kandidieren, sein Fazit nach zwei Stunden Erfahrungsaustausch: "Mir geht es doch noch gut."