An manchen Wochenenden ist die Stettener Straße ein einziger Parkplatz. Besucher aus nah und fern kommen dann nach Rotenberg und pilgern zur Grabkapelle auf dem Württemberg. Doch was heißt pilgern. Unter Naherholung verstehen die Besucher, möglichst nah ans Objekt der Neugier heranzufahren.
Aber eigentlich stört sich Siegfried Berner nicht an den Wochenendgäste, eher sind es die "Nachtbesucher", die durch die Stettener Straße düsen. Damit meint er die Jungen, die im Sommer die Grillstellen an der Egelseer Heide ansteuern, mit ihren Musikanlagen die Hänge beschallen und Dreck und Scherben zurücklassen. So ist das eben. "Ich verstehe schon, dass es auch anderen hier gefällt", sagt der 70-Jährige. "Ich gönn' den Leuten die schöne Aussicht."
Davon hat die Stettener Straße mehr als genug. Sie verläuft auf dem schmalen Joch, das den Württemberg im Westen mit den Ausläufer des Schurwaldes verbindet. Entlang dieser Höhenwegs tun sich in allen Richtungen spektakuläre Perspektiven auf. Südlich und tief unten liegt Uhlbach, um das sich in Form eines riesigen Amphitheaters die Weinberge schmiegen. Auch in nördlicher Richtung herrscht, soweit das Auge zwischen Untertürkheim und Fellbach reicht, das Laub der herbstlich bunten Weinreben vor. Im Westen glänzt in Verlängerung der Stettener Straße die Kuppel der Grabkapelle. Und jenseits des Neckartals steht der Fernsehturm stramm.
"Von diesem Blick bekommt man nie genug", sagt Berner und deutet durch das große Fenster des Wohnzimmers. Grandios, überwältigend, fast fehlen dem Betrachter die Worte. "Es ist irgendwie majestätisch", sagt Berner und liefert schmunzelnd die Erklärung. Von hier oben hat er einen wahrlich fürstlichen Weitblick, nicht nur auf die nahe Kapelle. Drüben, über der blauen Wand der Alb, thronen der Hohenneuffen und - nur bei optimalem Wetter und nur mit scharfen Augen oder dem Fernglas zu erkennen - der Hohenzollern.
Ein Blick, den auch Künstler zu schätzen wusste. Die Malerin Käte Schaller-Härlin, die unter anderem Theodor Heuss porträtierte, wohnte viele Jahre hier oben. Auch Karl Münchinger, der frühere Leiter des Stuttgarter Kammerorchesters, baute sich in den 50er Jahren am oberen Ende der Straße, mitten im heutigen Landschaftsschutzgebiet, ein Haus.
Inzwischen schätzen auch die Investoren die Straße. Sie bauen für solvente Kunden Villen "mit unverbaubarem Blick in phantastischer Aussichtslage".
Dabei ist es noch nicht lang her, da war die Stettener Straße nur ein unbefestigter Landwirtschaftsweg. In der Kindheit von Siegfried Berner tuckerte hier während der Weinlese gelegentlich der einzige Traktor des Fleckens. Die fünf Autos aus dem Ort trauten sich nie so weit in die Wildnis vor.
Gewaltigeren Motorenlärm erlebte der damals sechsjährige Siegfried wenige Tage vor Kriegsende. "Die Panzer der Amerikaner rollten hier von Schurwald hinunter ins Neckartal." Vielleicht wurde damals der Bub von einem Virus angesteckt, von der Faszination für Technik und Motoren.
Als Zwölfjähriger jedenfalls saß Siegfried häufig mit seinen Freunden an der Straßenkehre der Württembergstraße, die von Untertürkheim hinauf nach Rotenberg führte. Auf der Steilstrecke wurden die neuesten Daimler-Modelle getestet und eingefahren. Wahrscheinlich holte sich damals dort auch ein anderer Anwohner der Stettener Straße seinen letzten Schliff als schneidiger Rennfahrer. Eugen Böhringer, Spross der Höhengaststätte auf dem Rotenberg, gewann 1961 die Rallye Monte Carlo. 1962 wurde er in einen Mercedes 220SE Rallye-Europameister.
Kein Wunder, dass Siegfried Berner nach der Schule beim Daimler eine Lehre als Kfz-Mechaniker begann. In den Folgejahren wurde er selbst Testfahrer, später war er an der Entwicklung der Fahrwerke von Serienfahrzeugen beteiligt und verbrachte beruflich viel Zeit in den USA, Skandinavien und Südafrika.
Nach diesem bewegten Berufsleben legte Berner seine Hände aber nicht in den Schoß, um die Aussicht zu genießen. "14 Tage nach dem Ruhestand war ich schon unterwegs nach Carrara", erzählt Berner. Endlich wollte er sich einen Traum erfüllen, den Traum von der Bildhauerei. In der Toskana arbeitete er in einer Werkstatt mit und eignete sich erste Kenntnisse als Steinmetz und Bildhauer an. "Ich bin Autodidakt", sagt Berner und es klingt nicht so, als würde es sich deshalb schämen. Im Gegenteil. "Die Bildhauerei ist eine riesige Bereicherung für mein Leben", sagt der Künstler. "Man lebt das Leben quasi doppelt."
Drei- bis fünfmal in der Woche steht Berner in seiner Werkstatt im Remstal. Trotz der schweren Arbeit mit Bohrgerät und Presslufthammer ist Müdigkeit für den 70-Jährigen kein Thema. "Es ist ein Vergnügen, ohne Zwang, ohne Stechuhr", sagt Berner. Nur gut, dass die Ehefrau Verständnis hat und sich an den Werken im Stil von Hans Arp, die inzwischen überall im Haus stehen, mitfreuen kann.
Bleibt neben der Bildhauerei noch Zeit für anderes? Der nimmermüde Rentner sagt entschieden ja. Zweimal die Woche geht er mit seiner Frau joggen und schnauft die Stettener Straße hinauf bis zum Schurwald. Außerdem liegt Siegfried Berner, dem Sohn eines Wengerters, der Weinbau immer noch nah. Direkt neben seinem vor 40 Jahren erbauten Haus bewirtschaftet er vier Ar. Die Trauben liefert er beim Collegium Wirtemberg ab, der zusammengelegten Genossenschaften von Uhlbach und Rotenberg. Doch der Ertrag von 240 Flaschen Lemberger ist für Berner nur schönes Beiwerk. Hauptsache, er hat was zu schaffen. In der Werkstatt und im Weinberg. So schön für ihn die Fernsicht auch sein mag - sie konkurriert mit dem Blick auf die eigene Trauben im Herbst, auf das rote Laub des Lembergers und auf die selbst bearbeiteten Steine.