Stuttgart - Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau hat mit dem Buch "Das München-Komplott" einen brisanten Polit-Thriller über das Attentat auf dem Münchner Oktoberfest im Jahr 1980 geschrieben.
Dengler verzweifelt, und das mit gutem Grund. Der Stuttgarter Privatermittler, einst Zielfahnder des BKA, nun, mit Spezialauftrag, wieder in den Diensten dieser Behörde, spürt den Boden des Rechtsstaates unter seinen Füßen wanken.
"Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall" heißt das neue Buch des Stuttgarter Autors Wolfgang Schorlau. Er arbeitet mit Prämissen und Konstruktionen, die geeignet sind, nicht nur Dengler, sondern auch den Leser in Angst und Schrecken zu versetzen. Schorlau stellt seinem Text ein Zitat Pier Paolo Pasolinis voran, er widmet es "Allen aufrechten Polizisten!" - und schon auf den ersten Seiten findet er deutliche Worte zur Wirtschaftskrise und ihren Folgen: "Im Sommer 2009 sah es so aus, als wollte die herrschende Klasse testen, wie weit sie es treiben könnte, als sollte in einem riesigen gesellschaftlichen Experiment untersucht werden, wie viel Ungerechtigkeit die Gesellschaft ertragen könnte."
"Das München-Komplott" ist ein wütendes Buch. Es porträtiert die deutsche Politik als bestenfalls ohnmächtig und den Verfassungsschutz als durch und durch korrupt und kriminell. Dennoch gibt es hier viele der "aufrechten Polizisten", von denen die Widmung spricht, sympathisch und integer gezeichnete Figuren, selbst eine nicht minder sympathische Staatssekretärin der "konservativen Partei", die auf erfreuliche politische und amouröse Abwege gerät. Sie ist es, die Denglers fünften Fall ins Rollen bringt, indem sie sich bemüht, das NPD-Verbotsverfahren wieder in Gang zu setzen. Dem steht entgegen, was ihm auch 2001 entgegenstand: Die rechte Partei ist vom Verfassungsschutz unterwandert.
Der Leser erfährt von Schorlau außerdem beiläufig, dass die rechtsradikale Szene in den neuen Bundesländern vom Verfassungsschutz systematisch aufgebaut wurde, um einen Linksruck in diesen Ländern zu verhindern. Dengler handelt indirekt im Auftrag der Staatssekretärin von Schmoldtke, als er von seinem früheren BKA-Vorgesetzten mit Nachforschungen zum Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 beauftragt wird.
Wolfgang Schorlau verarbeitet Fakten - die Einzeltäterhypothese beim Münchner Attentat ist nach wie vor umstritten, die Nato-Geheimorganisation Gladio existierte, und auch das "US Field Manual 30-31", das Instruktionen zur Infiltration terroristischer Gruppen zum Ziel politischer Steuerung enthält, ist Fakt. Das Spiel mit solchen Fakten ist Schorlaus Metier. Er ist kein Autor, der Action-Krimis schreibt, sondern einer, der Spannung erzeugt, indem er ein Puzzlestück nach dem anderen an seinen Platz fallen lässt. So ist "Das München-Komplott" denn auch ein Buch, bei dem vor allem Recherchen immer wieder die überraschende Wendung bringen. Der Leser folgt Dengler, Schmoldtke und einigen weiteren Figuren durch kurze, pointiert erzählte Kapitel, die in einer raffinierten, leicht zeitversetzten Struktur ineinander geschachtelt sind. Der Erzählstil ist äußerst knapp und flüssig, der Autor trifft Charaktere und Situationen schnell und zuverlässig, das Buch besitzt eine stringente Dramaturgie. Und es fehlt nicht am Humor, vor allem dann, wenn Szenen im Freundeskreis des Ermittlers spielen. Dabei kommt dann Stuttgarter Lokalkolorit zur Geltung, das Wolfgang Schorlau mit bemerkenswerter Unaufdringlichkeit eingearbeitet hat.
Der politische Pessimismus des Buches freilich bleibt bestürzend. Allein schon, dass es Schorlau gelingt, ganz ungeheuerliche Vorgänge plausibel zu machen, kann man als Zeitdiagnose werten. Oft weht den Leser hier die Kaltschnäuzigkeit der Macht an. Die Staatssekretärin von Schmoldtke wird gezeigt als ohnmächtige "Sprechpuppe", als Marionette. Bei der Schilderung der parlamentarischen Arbeit ließ sich der Autor, wie er im Nachwort anmerkt, von SPD-Politikerin Ute Vogt beraten.
Aber Schmoldtke wehrt sich. Dengler natürlich auch. Letztlich ist "Das München-Komplott" dann doch kein restlos pessimistisches Buch: Seinen Figuren gelingt es, etwas zu bewirken, die aufrechten Polizisten und Staatssekretärinnen gewinnen die Schlacht. Das allerdings kann man Wolfgang Schorlau vorwerfen: Dass er die Täter zuletzt doch auf eine kleine Gruppe von Drahtziehern schrumpfen lässt. Aus der ganz großen Paranoia, die die demokratische Ordnung eben noch als Farce erscheinen ließ, wird zuletzt doch wieder ein Kriminalfall, der gelöst werden kann. Aber wäre dem nicht so, dann wäre Georg Dengler schließlich ganz verzweifelt.