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Meine Straße: Hackstraße

Das neue Wirgefühl in der Wagenburg

Foto: Kraufmann

Bernd Vögelein, die Eisenbahnersiedlung Friedenau und die Hackstraße im Stuttgarter Osten
 

Es ist nicht leicht, für die 1,5 Kilometer lange Hackstraße im Stuttgarter Osten eine verbindende Klammer zu finden. Zumal hier keine wackligen Brücken zwischen Karl-Olga-Hospital und Bergfriedhof oder zwischen Zeppelin-Gymnasium und Hauptzollamt geschlagen werden sollen.

Doch es gab und gibt Verbindendes. Früher war es vermutlich die dicke Luft. Am Anfang der Straße drehten im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts bis zu 1000 Beschäftigte in der Fabrik von Waldorf-Astoria Zigaretten, am Ende der Hackstraße produzierte das Gaswerk. Noch heute ragt dort unübersehbar der Gaskessel auf. Heute ist das verbindende Element der Hackstraße nicht flüchtiger Rauch, sondern harter Stahl. Auf durchgehendem Schienenstrang rollt der Stadtbahnlinie U9 auf der Straße hinaus nach Hedelfingen.

Gefühlte 100 Zentimeter vor dem Küchenfenster von Bernd Vögelein quietschen im Zehn-Minuten-Abstand diese gelben Züge vorbei. "Nach einer gewissen Zeit hört man das nicht mehr", sagt der 52-Jährige. Was soll er auch Negatives sagen über den öffentlichen Personennahverkehr? Fährt er doch beruflich selbst einen Linienbus - und bewohnt außerdem ein Reihenhäusle in der zwischen 1921 und 1927 gebauten Straßenbahnersiedlung.

Vögeleins Weg vom Geburtsort Heilbronn nach Stuttgart in die Hackstraße war lang und kurvenreich. Auf die Jahre in der Chaos-WG in Tübingen-Lustnau folgten die Heirat mit Brigitte, das Familienidyll in Aichtal und die Geburt der beiden Töchter Anna und Ulla. Doch dann drohte Ungemach. "Die fast 90-jährige Tante meiner Frau wollte ihr Reihenhaus an der Hackstraße vererben", erinnert sich Bernd Vögelein mit Schrecken. "Ich habe dafür gebetet, dass die Tante als erste Frau 150 Jahre alt wird. Nur damit ich nicht nach Stuttgart muss."

Für Vögelein, der immer stolz sein Doppelkennzeichen am Auto trug, war die Landeshauptstadt Synonym für das Schlechte. "Stuttgart hieß für mich Lärm, Dreck und Stau", sagt Vögelein. Doch seine Gebete für ein ewiges Leben der Tante wurden nicht erhört. Die betagte Dame starb, der Erbfall trat ein - und das bekennende Landei aus dem Unterland, das immer einen großen Bogen um Stuttgart gemacht hatte, zog 1993 in die Hackstraße und wurde Stuttgarter.

"Die Lebensqualität hier erschließt sich von der Straßenseite her nicht", sagt Vögelein. Vor dem Haus rollt die Stadtbahn, Autos rauschen auf der leicht abschüssigen Strecke hinter zur Talstraße vorbei und sorgen immer wieder am Zebrastreifen auf Höhe der Rotenbergstraße für Beinaheunfälle. Manchmal aber kommt der Verkehr in der Hackstraße im Stau ganz zum Erliegen. "Wir merken hier jeden Unfall auf der B10", sagt Vöglein. Wenn aus einem solchen Anlass im Neckartal der Berufsverkehr zusammenbricht, wird die Hackstraße zum Schleichweg ins Stadtzentrum. Dann tritt aber auch hier meist der Verkehrsinfarkt ein. "Durchschnittlich einmal in der Woche läuft hier nichts mehr."

Mit den Staus und dem Lärm hat sich Vögelein bis heute nicht anfreunden können. Doch er kennt einen Ausweg. Und der ist, vom Küchenfenster aus gemessen, nur ein paar Meter weit.

Auf der Rückseite der Reihenhäuser, die sich Wand an Wand in einem Bogen entlang der Hackstraße krümmen und nur einen einzigen Tordurchgang haben, öffnet sich ein weiter, grüner Innenhof. "Wir leben hier wie in einer Wagenburg", beschreibt Vögelein die Situation. Wie einst im Wilden Westen die Indianer, jagen im Stuttgarter Osten draußen die Autos vorbei. Drinnen aber zwitschern die Vögel. "Hier ist unser Paradies", sagt Vögelein.

Ursprünglich gehörte zu jedem Reihenhäuschen der Siedlung ein kleiner Nutzgarten. Die Straßenbahner sollten, so die Idee beim Bau der Siedlung, sich möglichst mit eigenem Gemüse selbst versorgen. Mit der Zeit wurden daraus Ziergärten. Zwischen den Parzellen wuchsen die Zäune und die Hecken immer höher.

"Jeder pflegte seine eigene Oase", beschreibt Vögelein die Situation, die er beim Einzug vor 16 Jahren vorfand. Inzwischen hat sich Grundlegendes geändert. Die Hecken sind zurückgestutzt, die Zäune weitgehend verschwunden. Mehrere Grillstellen und Pizzaöfen haben sich zu Treffpunkten der Nachbarschaft entwickelt. 2006 wurde sogar ein WM-Studio mit Großleinwand eingerichtet. "2010 machen wir das wieder."

An den Durchbruch vom Nebeneinander zum Miteinander im Innenhof erinnert sich Vögelein noch genau. "Ein paar Nachbarn haben ein Mehrgenerationenfest organisiert." Gezielt wurden auch die älteren Damen eingeladen, die "letzten Ureinwohner" der Straßenbahnersiedlung Friedenau. "Mit den 80- bis 90-Jährigen haben wir Engelein, Engelein, flieg! gespielt", erinnert sich Vögelein. "Die Damen waren begeistert und haben gejubelt." Seitdem herrscht über alle Altersstufen hinweg ein Wirgefühl.

Doch es gibt auch Unterschiede. Vor der Terrasse von Vögelein weht an einem Fahnenmast die Bayern-Fahne, ein paar Meter hängt die VfB-Flagge eines befreundeten Nachbarn. "Wenn die Bayern verloren haben, setzt mein Freund meine Fahne auf Halbmast", sagt Vögelein. "Und umgekehrt." Fest steht nur, dass die beiden Nachbarn in den vergangenen Monaten recht häufig zum Fahnendienst ausrücken mussten.

"Inzwischen ist Stuttgart für mich ein Traum", sagt Vögelein. Nur eines fehlt ihm zum Glück: "An der Stelle der Mercedes-Arena müsste die Allianz-Arena stehen."
 

Klaus Eichmüller

25.11.2009 - aktualisiert: 09.12.2009 15:53 Uhr

 



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