Franz Bartl und die Kolbstraße in den Stadteilen Lehen und Karlshöhe
Es ist kalt und düster. Freilich, es ist Dezember. Aber in der Kolbstraße ist es noch ein bisschen kälter und düsterer als anderswo in Stuttgart. Wie ein dunkler, klobiger Schatten scheint Erebos, der griechische Gott der Finsternis, sich auf dem Areal zwischen der Hauptstätter, der Filder- und der Kolbstraße breit gemacht zu haben. Die kleine und schmale Kolbstraße erdrückt er schier unter seiner massigen Gestalt.
Seit Januar dieses Jahres wird auf dem ehemaligen Dinkelacker-Areal der Rohbau für einen großen Geschäfts- und Hotelkomplex gebaut. Franz Bartl steht auf der Straße und zählt die Stockwerke dieses Ungetüms, das man ihm direkt vor die Nase gesetzt hat. Wegen der ansteigenden Lage des Grundstücks ist dies kein einfaches Unterfangen. Sieben? Acht? Eines aber weiß der 70-Jährige genau. Es sind auf jeden Fall zu viele. "Mir hat es früher besser gefallen".
Seit 1998 betreibt Bartl in einem Hinterhaus an der Kolbstraße einen Laden. Ein Antiquitätengeschäft? "Das ist eher ein Kruschtladen", sagt Bartl nüchtern und bescheiden. Denn unter all dem Kruscht lassen sich Schätze bergen. Und so viel von beiderlei hat er, dass er einst auf dem Dinkelacker-Areal einen Schuppen anmietete. "In dem waren davor die Dinkelacker-Pferde untergebracht", erzählt er. Diese waren Ende der Neunziger längst durch Lastwagen ersetzt worden, die auf dem Gelände auf ihren Einsatz warteten. Selbst eine eigene Tankstelle gab es dort, erinnert sich Bartl.
Dinkelacker war nicht die erste Brauerei, die in der Kolbstraße ansässig war. 1845 gründete Paul Kolb gleichfalls am Ende der Kolbstraße, die sich von der Tübinger über die Hauptstätter Straße bis hoch zur Filderstraße zieht, die Kolb'sche Brauerei mit einem großen Biergarten.
1873 wurde die Straße in Kolbstraße benannt. 1898 wurde auf dem Gelände der Brauerei das Apollotheater, später Residenztheater, errichtet. Heute sorgt das Dreigroschentheater, das am Anfang der Kolbstraße liegt, für das Kulturprogramm im Viertel. Das Theater Rampe liegt der Einmündung der Kolbstraße in die Filderstraße gegenüber. Die Kultur- und Kunstszene hatte sich kurzfristig auf dem lange Zeit brachliegenden Dinkelacker-Gelände breit gemacht: "Dinkelaka" nannte sich die Ausstellung der Studenten der Kunstakademie, die 2003 die Fläche für sich entdeckten.
Danach habe die Natur das Gelände zurückerobert, erinnert sich Bartl. Damals konnte er seinen Blick noch weit über das Grün schweifen lassen. Heute stößt dieser nach wenigen Metern gegen eine Betonwand, an der er nach oben wandert. Immer höher und höher.
Aber wie viele Stockwerke sind es denn nun eigentlich? Franz Bartl verlässt - ohne hinter sich abzuschließen - seinen Laden und geht zielstrebig in Richtung der Container, in dem die Baustellenarbeiter ihre Büros und Aufenthaltsräume haben. Aus der Finsternis erklingen plötzlich Pfeiftöne. Ist's Gott Pan, der sich im Glauben, hier noch die Natur von einst zu finden, verirrt hat? Nein, die Pfiffe sind schriller, lauter. Die Bauarbeiter sind es, die den Frauen hinterherpfeifen.
Bartl erklimmt die Stufen zu den Containern und begrüßt den Oberpolier Harald Kurz. "Wie viele Stockwerke haben wir denn hier?", fragt er. Acht sind es, erklärt Kurz - wobei das oberste nach hinten versetzt sei. In diesem sollen Penthouse-Wohnungen und Büros entstehen. Über sechs Stockwerke wird sich zudem ein Hotel erstrecken, ein Lebensmittelgeschäft, ein Drogeriemarkt sowie Büros werden einziehen. An der höchsten Stelle misst das Gebäude 26 Meter. "Es ist aber nicht höher als die angrenzenden Gebäude", sagt Kurz.
"Das wirkt aber anders - und passen tut das Gebäude schon gar nicht zu den Häusern hier", sagt Bartl auf dem Rückweg zu seinem Laden, während er die Häuser aus der Gründerzeit betrachtet. Sorge bereitet ihm auch, dass sowohl die Einfahrt zur Tiefgarage als auch die für den Anlieferverkehr in der Kolbstraße liegen werden. "Da ist das Verkehrschaos programmiert."
Ob er schon einmal daran gedacht habe wegzuziehen? Eine Nachbarin mischt sich spontan in das Gespräch ein: "Warum - wir waren schließlich zuerst da!" Brigitte Steeb wohnt seit 25 Jahren im obersten Stock eines der Altbauten. Aber auch, wenn selbst ihr in ihrer privilegierten Lage die Sonne nicht mehr in die Wohnung scheint und der Gott der Finsternis die Straße in einen "Eiskeller" verwandelt habe, denkt sie gar nicht daran zu gehen. Vor allem der netten Nachbarn wegen, wie dem Herrn Bartl.
Nur einmal, Anfang der neunziger Jahre, habe sie erwogen, der Straße den Rücken zu kehren. Als die Neonazi-Szene, die im längst nicht mehr bestehenden "Kolbstüble" verkehrte, mit Schlägereien und ausländerfeindlichen Übergriffen das Viertel in Aufruhr versetzte. Franz Bartl, der diese Zeiten nicht miterlebt hat, schüttelt den Kopf. Dann wandert sein Blick wieder langsam an dem Gebäude hoch. Die skeptische Falte zerfurcht seine Stirn nicht mehr ganz so stark wie zuvor. Dieser steinerne Gott der Finsternis, sagt seine Miene, kann gar nicht ein so kaltes Klima schaffen, wie es wohl damals in der Kolbstraße herrschte.