Ein paar Tage war ich weg, man nennt das Urlaub, prompt ging es zu Hause drunter und drüber, und dem Ende zu. Wo ich war, war es schön. Ich ging ins Apollo-Theater. Das Apollo-Theater kennen Sie, es ist ganz oben in der Stadt, in Möhringen, so wie das Apollo-Theater ganz oben ist in der Stadt, in Harlem.
Das Apollo-Theater in Harlem, das heißt wie das Apollo-Theater in Möhringen, feierte gerade seinen 75. Geburtstag und führte uns unter dem Jubel weiter Kreise der einheimischen Bevölkerung die "Dreamgirls" vor, eine zünftige Show mit guten Sängern & Tänzern. James Browns Geist konnte ich erkennen, er sang auf den Knien, die Supremes waren da, und wir hatten viel Spaß.
Während ich noch da saß, oben in der Stadt, und vor Freude klatschte, machte das Gerücht die Runde, Mercedes-Benz verschiffe seine komplette Sindelfinger C-Klasse nach Amerika. Im Süden der Vereinigten Staaten, erzählte man, verteilten die Schullehrer von Tuscaloosa Notenblätter mit dem berühmtesten Auto-Lied der Amerikaner: "Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz..."
Eigentlich war ich nie gegen die Amerikaner, weil sie die schärfsten Stiefel, die süßesten Käsekuchen und die größten Fernsehapparate haben. Alles Dinge, die ein Mann zum Überleben braucht. Bei mir zu Hause sind alle bemüht, den Amerikanern alles nachzumachen, das Apollo-Theater und die Sprache, auch wenn sie im Leben nie singen und tanzen werden wie im Apollo-Theater. Cool ist das anyway, jedenfalls seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wenn man es aus der Perspektive des schwäbischen Brandings sieht.
Ich schätze, heute sind die Leute aus Sindelfingen und Umgebung nicht mehr so gut auf die Amerikaner zu sprechen wie ich und wie früher, als Tuscaloosa in Alabama war und nicht so nah wie jetzt.
Dummerweise war ich nie in Tuscaloosa, und das ärgert mich. Tuscaloosa, Alabama, wird in vielen Liedern besungen, in sehr schönen wie in "Tuscaloosa From Alabama" von Cindy Walker, die leider vor drei Jahren mit 87 von uns ging. Zum Glück hat Willie Nelson danach ein Album mit den besten Sachen von Cindy Walker aus Texas aufgenommen, und zum Glück hat mir der schwäbische Platten-Dealer Ratzer in der Stuttgarter Paulinenstraße die LP verkauft, bevor der Abgang nach Tuscaloosa die Menschen aufbrachte.
Ich weiß, es gibt auch Lieder über Stuttgart, und manche sind besser als die Stadt, und vielleicht findet man sogar irgendwo ein Schlaflied auf Sindelfingen.
Aber Tuscaloosa ist eine andere Nummer. Jeder, der die Musik des Amerikaners Randy Newman liebt, hat irgendwann seine Hymne "Birmingham" gehört:
"Mein Papa war Friseur / Und ein hässlicher Mann / Er wurde geboren in Tuscaloosa / Doch er starb in Birmingham."
Gewidmet ist das Lied zwar Birmingham, der großartigsten Stadt von Alabama, wo in Randy Newmans Song ein großer schwarzer Hund hinter der Dreizimmerwohnung im Hinterhof wohnt und es vielleicht so zugeht wie im mondänen Sindelfingen. Aber Tuscaloosa spielt darin eine Rolle. Tuscaloosa ist die Keimzelle des Herrenfriseurs und nicht der C-Klasse.
Es gibt noch viel mehr Lieder über Tuscaloosa, etwa "Tuscaloosa Waltz" und "Tuscaloosa Blues", "Tuscaloosa Women" und "Tuscaloosa Yo Yo Man". An einer Stadt, über die so viel gesungen wird, denke ich, muss mehr dran sein als nur eine Fabrik für die C-Klasse, auch wenn ich die meisten Lieder über Tuscaloosa gar nicht kenne, was ich bedauere.
Allein das Wort Tuscaloosa klingt so schön poetisch, dass man es wunderbar singen könnte, wenn man singen könnte. Und die Wortspielfabrik auf der C-Klassenebene deutscher Dichtkunst würde flugs einen "Tusca-Loser" daraus machen, die Antihymne auf Sindelfingen und die Verlierer von Mercedes.
Der Mercedes-Chef Doktor Zetsche, der eine Weile als Chrysler-Boss und Medienstar Dr. Z in Amerika Schlagzeilen machte, hat neulich gesagt, er könne den Protest der Tuscaloosa-Loser von Sindelfingen verstehen. Aber kein Mensch in Sindelfingen wird Dr. Z. verstehen. Ich weiß nicht, wozu man so dringend den Stern der C-Klasse in der Gegend von Tuscaloosa braucht, wo die Rockband Alabama den "Southern Star" besingt und die Herren vom Ku-Klux-Klan in heimischen Pick-ups nächtens auf Beutezug gehen. Es wäre nicht gut für unser Image und die amerikanische Freiheit, würden sie ihre Kundschaft demnächst in der C-Klasse besuchen.