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Joe Bauer in der Stadt

Im Silberwald

Foto: Kraufmann

Es war Nebel, der erste Dezembernebel des Jahres. Ich wartete an der Haltestelle Silberwald auf die Stadtbahn, ich schaute nach oben, und da war Silberwald.Die Station nach dem Fernsehturm auf der Linie 7 Richtung Nellingen ist eine der schönsten in der Stuttgarter Prärie. Die Gleise zwischen hohe Steinmauern gebettet, die Mauern von Pflanzen bewachsen, und sie erinnern an Brownstone. Zwischen den Steinplatten des Bahnsteigs stehen Bäume, ich würde sagen, die Schlucht riecht nach Fichtennadelschaum von Badedas, aber ich werde nicht so unvorsichtig sein, mich mit Botanikern anzulegen.

Die Station Silberwald ist so oder so eine betörende Haltestelle, heimatfilmreif. Bei Nebel flirren Nadelstreifen in der Luft, auf eine Fichte mehr oder weniger kommt es da gar nicht an.

In Sillenbuch, an der Strecke zwischen Fernsehturm und Ostfildern, gibt es die Silberwaldstraße, angeblich ließ dort im 15. Jahrhundert ein Herr namens Graf Ulrich nach Silber und Blei schürfen. Die Kombination Silber & Blei ist seitdem beliebt, sie hat später im Waffenarsenal des bekannten Indianers Winnetou eine wichtige Rolle gespielt.

Manchmal gibt es Tage, da muss ein Mann in den Silberwald und Blei schürfen. Ich hielt es nicht mehr aus in der Stadt, tausendfach hatte es mir entgegengeschrien: "Ich liebe Dich". Kann man diese Lebkuchenherzen auf dem Weihnachtsmarkt nicht endlich abschaffen? Wenn ein Mann einer Frau ein Lebkuchenherz mit dem aufgespritzten "Ich liebe Dich" schenkt, hat er niedrige Beweggründe: Der Mann will nicht das Herz, er will die Frau hängen sehen. Ich traue mich bald nicht mehr unter die Äste des Silberwalds.

Es ist schwer für mich, ein Verhältnis zum Weihnachtsmarkt aufzubauen, obwohl ich Rummel liebe. Rummel ist die Chance, sich ohne schlechtes Gewissen Dinge zu kaufen, die kein Mensch braucht. Rummel-Einkäufe sind der Snobismus des kleinen Mannes: Man wirft das Geld für Gurkenhobel, Klobürsten und Rheumatismussalbe raus, die man noch vom vergangenen Weihnachtsmarkt zu Hause hat. Am Ende hängt man den Damen Lebkuchenherzen um den Hals, als seien es Klunker von Wempe. Der ganze Weihnachtsmarkt schreit "Ich liebe dich", und dann kommen mir die Tränen. Es ist das Glühweinen.

Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist bekanntlich nicht der wichtigste und erfolgreichste Weihnachtsmarkt von Deutschland. Nur im Fußball hängt Nürnberg einen Rang hinter Stuttgart am Haken über der Hölle. In Wahrheit sind wir auf ewig die Nummer zwei hinter den bayerischen Wilderern im Silberwald. Das gilt auch fürs Volksfest. Und manchmal habe ich sogar das Gefühl, ein BMW rauscht an mir vorbei, wenn ich gerade unser letztes Daimler-Taxi in der Stadt gefangen habe.

Der zweite Weihnachtsmarkt hinter dem Nürnberger hat auch gute Seiten. Seit Jahren beglücken uns Abermillionen Schweizer Abenteurer und Butterfahrer als Touristen. Normalerweise haben wir diesen Weihnachtsmännern immer einen Haufen Fränkli als Lösegeld abgenommen und sie danach mit weißem Kreuz auf roter Zipfelmütze ziehen lassen.

In diesem Jahr jedoch setzt sich in der Stadt die Strategie durch, Schweizer für längere Zeit als Geiseln zu nehmen. Es könnte daran liegen, dass uns hierzulande das Fachpersonal ausgeht, weil zu viel deutsches Fachpersonal in der Schweiz nach Silber schürft und die Leute dort vergrätzt.

Vergangenes Wochenende erst wurde ein arbeitsloser Schweizer in der Sportartikelabteilung des Weihnachtsmarkts gekidnappt. Noch am selben Tag quälte der Glatzkopf unsere Jungs mit Strafübungen, und zwar mitten in der Nacht, unter gleißendem Flutlicht, während in Kopenhagen der Weltkongress gegen Energieverschwendung und Klimawandel begann. Dieser Nicht-Europäer ist jetzt VfB-Trainer, und da muss ich erst mal Luft holen und im Silberwald was schlürfen.
 

Joe Bauer

07.12.2009 - aktualisiert: 07.12.2009 18:33 Uhr

 



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