Stuttgart - Kristina Köhler ist gerade 32 - und Bundesministerin. Ihre Berufung hat die Öffentlichkeit überrascht. Und die Frage drängt sich auf: Über welche Qualifikation muss ein Politiker verfügen, wenn er Mitglied der Regierung wird?
Ist Kristina Köhler (CDU), seit Ende November Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, etwa zu jung für ihr Amt? Die Mehrheit der Bundesbürger findet das keineswegs. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage halten vier von fünf Befragten (78 Prozent) für richtig, wenn auch junge Politiker wie die 32-jährige Köhler in hohe Ämter kommen. 87 Prozent der Jüngeren (18- bis 29-Jährigen) begrüßen dies, aber auch 72 Prozent der Rentner finden es gut. "Es gibt eine große Sehnsucht nach frischen, unverbrauchten Gesichtern, die nicht so gestanzt und ritualisiert daherreden wie die etablierten Politiker", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner.
Aber nicht nur Köhlers Berufung ließ jüngst das Publikum aufmerken - die Personalrochaden, die mit Schwarz-Gelb vollzogen wurden, lösten zum Teil erhebliche Überraschung aus. So hatte während des Wahlkampfs Dirk Niebel als FDP-Generalsekretär dafür plädiert, das Entwicklungshilfeministerium abzuschaffen und die Aufgaben in das Außenministerium einzugliedern. Jetzt steht er selbst an der Spitze des Ressorts, das bedürftige Staaten unterstützt. Und weiter: Aus dem einstigen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wurde plötzlich der Finanzminister, und der frühere Chef des Wirtschaftsressorts, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), sah sich auf einmal für die Verteidigung zuständig. Ilse Aigner (CSU), eine gelernte Elektrotechnikerin, kümmert sich weiterhin um Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
"Nicht nur dem Laien stellt sich dabei die Frage, weshalb gerade diese Personen in zentrale politische Ämter gelangen", bemerkt Lars Vogel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Vogel hat sich mit den Karrieren von Ministern beschäftigt - und er kommt in einer vor kurzem veröffentlichten Studie zur Erkenntnis, dass die fachliche Qualifikation bei der Berufung in den Hintergrund tritt. "Ob jemand Fachwissen besitzt oder nicht, ist eben vor allem eine politische Frage."
Grundsätzlich gilt: Ohne die Mitgliedschaft in einer Partei oder zumindest das Wohlwollen einer politischen Gruppierung besteht keine Chance, überhaupt für ein Ministeramt vorgeschlagen zu werden. Der Münsteraner Politologe Wichard Woyke stellt fest, ein Kandidat müsse ein Ministerium politisch führen können. "Das heißt nicht automatisch, dass er auch in jeder Position das nötige Sachwissen auf dem Gebiet haben muss." Sachwissen sei hilfreich, so Woyke, aber nicht entscheidend. Der Berliner Politikwissenschaftler Gero Neugebauer sagt es so: "Man muss schon etwas im Kopf haben. Aber ob man immer auch was draufhaben muss, ist eine andere Frage."
Im Klartext heißt das, dass kluge Köpfe durch den parteipolitischen Rost fallen können, weil vor allem bei den großen Volksparteien der innere Proporz stimmen muss. Im ersten Kabinett Merkel wurde Franz Josef Jung nur deshalb Verteidigungsminister, weil die hessische CDU damals einen Anspruch darauf hatte, einen Posten zu besetzen. Und nach Jungs unfreiwilligem Abtritt als Arbeitsminister im Kabinett Merkel II kam erneut die Hessen-CDU zum Zug - und die Wahl fiel auf Kristina Köhler.
Der Parteienproporz führt mitunter zu eklatanten personellen Fehlgriffen: Dem CSU-Mann Michael Glos fiel 2005 das Amt des Wirtschaftsministers vor die Füße, weil der damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber einen Rückzieher machte. Glos hatte erkennbar keine Freude an seinem Job, und in der öffentlichen Wahrnehmung trat er selten hervor. Im Februar trat er entnervt zurück. Guttenberg entwickelte sich als Nachfolger von Glos rasch zum Shooting Star im Kabinett. Zweifel an seiner Fachkompetenz - der FDP-Politiker Rainer Brüderle, heute Guttenbergs Kabinettskollege, sprach damals von "einer Art Notlösung", der Grünen-Politiker Jürgen Trittin nannte Guttenberg einen "Azubi" - verstummten rasch. Guttenberg konnte politisch überzeugen, und auch optisch machte er stets eine gute Figur. Zusammen mit seiner attraktiven Frau Stephanie (32) trat er jüngst in der TV-Show "Wetten, dass ...?" auf - und der Boulevard geriet ins Schwärmen.
Für die Parteien ist längst klar, dass schön anzusehende Gesichter im Zeitalter der Telekratie von Vorteil sind. Und entsprechend wird ausgewählt. Für den Parteienkritiker Hans-Herbert von Arnim steht fest: "Es besteht ein Trend in Richtung attraktiver junger Frauen - und das beobachte ich seit längerem." So habe die blonde FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin - heute 39 - im Jahr 2004 die Liberalen praktisch im Alleingang ins Europäische Parlament gebracht. "Aus wahltaktischer Sicht ein genialer Zug von Parteichef Guido Westerwelle", sagt von Arnim.
Und auch die anderen Parteien wissen um die Zugkraft von jungen und schönen Frauen. Manuela Schwesig ist ebenfalls blond und gerade mal 35 - sie führt das Sozialministerium in Mecklenburg-Vorpommern. Seit kurzem ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD. In der CDU strebt Julia Glöckner (36) nach Höherem: Die Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium wurde vom Landesverband ihrer Partei zur Spitzenkandidatin für die Wahl in Rheinland-Pfalz im Jahre 2011 ernannt. Die ehemalige Deutsche Weinkönigin wird also den bärtigen und grau gewordenen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck herausfordern. Von Arnim ist sicher: "Sie hat Chancen." Und in die Reihe schöner Politikerinnen stellt von Arnim auch Kristina Köhler. "Es ist nur die Frage, ob sie sich in ihrem Stab auch den nötigen Respekt verschaffen kann."
Für den Parteienkritiker steht in diesem Zusammenhang jedoch fest, dass in der politischen Debatte eine "gewaltige Verflachung eingesetzt" habe. Der letzte Bundestagswahlkampf habe eine deutliche Scheu vor der Sachauseinandersetzung gezeigt. "Aber wir leben eben im Medienzeitalter", sagt er fast resignierend. Das Publikum schaue sich im Fernsehen eben gerne schöne Frauen an, und wenn die sich dann auch noch einigermaßen geschickt schlagen, werden sie populär, gewinnen an Aufmerksamkeit. "Eine erfreuliche Erscheinung vergisst man nicht", meint von Arnim.
Norbert Blüm, Arbeitsminister im Kabinett Kohl von 1982 bis 1998, äußerte sich zu alldem skeptisch. Den Parteien rät Blüm: "Schminkt euch mal euren Jugendtick ab." Gleichwohl müsse Kristina Köhler ihre Chance bekommen. Worauf es bei einem Minister aber vor allem ankomme, sei Lebenserfahrung. "Das ist die Voraussetzung dafür, unterscheiden zu können, was wichtig und was unwichtig ist."
Und vom DGB-Vorsitzenden Michael Sommer stammt das kritische Zitat: "Politische Klugheit ist sicherlich nicht eine Frage des Alters. Sie wird aber auch nicht mit der Ernennungsurkunde des Bundespräsidenten mitverliehen."