Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom 10.12.2009
Stetten. Rüdiger von Fritsch hat in der Diakonie Stetten die Flucht seines Vetters aus der DDR geplant. Von Sascha Sauer
Im Schein einer Leselampe erzählt Rüdiger von Fritsch diese unglaubliche Geschichte, die er im Buch "Die Sache mit Tom" auf 238 Seiten zu Papier gebracht hat. Nach 35 Jahren des Schweigens. Fritsch macht im Wildermuthsaal ein Stück deutsch-deutsche Geschichte lebendig, die er hautnah miterlebt hat.
Rückblick. Rüdiger von Fritsch und sein Bruder Burkhard wollen im Sommer 1974 über die bulgarische Grenze. Zwischen Straßenkarten versteckt liegen drei grüne Pässe, die für Menschen gedacht sind, die blaue DDR-Pässe besitzen. "Man merkte den BRD-Reisepässen an, dass die Ösen nicht der Norm entsprachen", sagt Fritsch. Es waren gefälschte Dokumente mit imitierten bulgarischen Einreisestempeln.
Minutiös schildert der Autor die langen Sekunden vor der Kontrolle. Schlagbäume, Schilder und Sperranlagen werden vor dem geistigen Auge sichtbar, die Ängste der Brüder spürbar. Die Grenzbeamten lassen die beiden passieren. Doch auf den Jubelschrei folgt das Entsetzen: Die Farbe des Einreisestempels hatte sich geändert, die Fälschung der Pässe wäre aufgeflogen. Damit ist der Fluchtplan gescheitert: Der Vetter und seine Freunde wollten als Hippies verkleidet von Bulgarien aus in die Türkei reisen - vom Warschauer Pakt-Land ins Nato-Land. Für Tom und seine Freunde eine Reise in die politische Freiheit. Doch Rüdiger von Fritsch gibt nicht auf, der zweite Fluchtversuch gelingt.
Aber warum setzt sich ein 19-Jähriger dieser Gefahr aus? Immerhin standen langjährige Haftstrafen und verpatzte Berufskarrieren auf dem Spiel. "Es war nie die Frage ob, sondern wie ich meinem Vetter helfen kann", erzählt von Fritsch. Die Arbeit in der Diakonie habe ihm geholfen, bei den Fluchtvorbereitungen einen kühlen Kopf zu bewahren. "Ich war abgelenkt", sagt er. Als "Onkel Rüdiger" lernte er mit Behinderten umzugehen, und einen "schwäbischen Haushalt" zu schmeißen.
Die Erlebnisse aus der Diakonie füllen Seite um Seite des Buches. Da selbst unverdächtige Briefe in der DDR verdächtig waren, schickte von Fritsch an seinen Vetter Post unter falschem Namen. Als aber einmal ein behinderter Bewohner Postbote spielte, landete der Brief beim Leiter der Diakonie. Ein Praktikant in Erklärungsnot.
Die Pässe fälschte er mit Modellbaumessern und Radiergummis. "Ein perfekter Pass dauert acht Stunden", sagt von Fritsch. Dass aus dem jungen Passfälscher Jahrzehnte später ein leitender Mitarbeiter des deutschen Diplomatischen Dienstes wurde, entbehrt rückblickend nicht einer gewissen Ironie. Heute ist von Fritsch Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt.
10.12.2009 - aktualisiert: 10.12.2009 06:05 Uhr
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