Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 10.12.2009
Küss den Frosch
Ein simpler Kuss genügt nicht
Zurück zur Tradition: Disney macht wieder Zeichentrick-Märchen mit viel Witz und großen Gefühlen
Wenn der Vodoo-Meister Dr. Facilier die Mächte der Hölle entfesselt, tanzen dämonische Fratzen und heimtückische Schlangen über die Leinwand, wenn der schüchterne Alligator Louis die Trompete bläst und das Glühwürmchen Ray den Mond anhimmelt, bleibt kein Auge trocken, und wenn die fleißige Tiana und der faule Naveen einander näherkommen, schwappt romantische Sehnsucht in den Zuschauerraum.
Endlich wieder ein richtiger Disney-Film, werden da viele denken, die die neue 3-D-Schule der Disney-Tochter Pixar ("Oben") zwar schätzen, die alte Schule des Zeichentricks aber trotzdem schmerzlich vermisst haben. Dass beide gut nebeneinander existieren können, zeigt jetzt ausgerechnet Pixar-Gründer John Lasseter, inzwischen Trickchef bei Disney. Er hat schon das 3-D-Abenteuer "Bolt" verantwortet, vor allem aber hat er die Zeichentrickabteilung wiedereröffnet mit alten Hasen wie John Musker, Ron Clements und Andreas Deja ("Arielle", "Aladdin", "Hercules") - und die beseelen, deformieren und triezen ihre Figuren nach allen Regeln der 2-D-Kunst.
"Küss den Frosch" ist ein typisches Disney-Märchen, und zwar eines der besseren, denn über weite Strecken treten vor allem Tierfiguren auf, die schon immer witziger und inspirierter waren als die menschlichen. Der Plot ist so simpel wie genial: Die als Prinzessin verkleidete Tiana küsst auf einem Kostümball den mittels Voodoo zum Frosch mutierten Prinzen Naveen, doch der erwünschte Effekt bleibt aus, und sie wird selbst zur Amphibie. Erlöst werden können die beiden nur, wenn sie ihren Ehrgeiz bremst und wieder zu leben beginnt und wenn er dem sündigen Müßiggang entsagt und sich Ziele steckt. Ohne persönliche Entwicklung gibt es kein Heldentum, das wusste schon Aristoteles.
Das Louisiana der Bayous bietet eine verträumte Kulisse und einen ansprechenden, von Jazz und Soul geprägten Soundtrack für die obligatorischen Gesangseinlagen, die in Sachen Sentimentalität im Rahmen bleiben. Mit dem Alligatoren Louis, in Statur und Tonlage dem großen Louis Armstrong nachempfunden, ist den Machern sogar eine Figur gelungen, die Kult werden könnte wie einst Balu der Bär. Die Magie lebt weiter.
Bernd Haasis
10.12.2009 - aktualisiert: 10.12.2009 11:19 Uhr