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Joe Bauer - SPORT

Der Wind beim Pinkeln

Foto: dpa

Es wird immer schwieriger, sich dem Spiel zu widmen. Das ist schade, denn es ist ein gutes Spiel: Drei Hannoveraner Eigentore, jedes so professionell wie 96 an sich, lassen uns weiterhin an die Macht des Zufalls und die Existenz verknoteter Millionärsbeine glauben. Es scheint nahezu unmöglich, Spielverlauf und Ergebnis zu steuern, Trainer-Felixe und Wettbetrüger hin oder her.

Wann aber geht es beim Fußball noch um Fußball? Man könnte mich einen Zyniker heißen. Darum ginge es nicht. Mir fiel auf, wie innerhalb weniger Wochen zwei Bundesliga-Torhüter die Titelseiten von "Bild" beherrschten. Der eine, Robert Enke, hatte während der Saison den Freitod gewählt. Der andere, Jens Lehmann, hatte während eines Spiels neben das Spielfeld gepinkelt. So funktioniert das Geschäft mit dem Spiel.

Ich kann sagen, ich war ein Anhänger von Enke, weil ich eine Tormann-Macke habe und mir seine Ruhe im Spiel gefiel.

Der hitzköpfige Torhüter Lehmann geistert weiterhin durch die Medien, schon in den Sonntagsblättern war er gut vertreten. Es hieß, er provoziere seinen Rauswurf. Seine Pinkelpause mit Hand-Abschlag war da schon kein Thema mehr. Lehmann hatte dem VfB-Vorstand vorgeworfen, sich dem Druck "pubertierender Jugendlicher" gebeugt und den Trainer Babbel aufgrund der Fan-Attacken gefeuert zu haben. Damit beweist der Tormann großes Stellungsspiel: Die Fans watscht er mit den Worten ab, sie seien Halbstarke, dem Vorstand unterstellt er, den Schwanz noch schneller einzuziehen als er selbst. Was er mit diesem Zweifrontenkrieg bezweckt, werden er und sein Berater wissen. Mir ist die Zeit zu schade, darüber nachzudenken. Der Engländer sagt: piss off! Das dachte sich gestern auch der Schiri: Lehmann flog raus.

Seit der harte Kern von VfB-Anhängern (mit dem nichtssagenden Begriff "Ultras" etikettiert) angesichts des maroden VfB Radau gemacht hat, entdeckt man wieder das unbekannte Wesen. Man nennt es Fußballfan. Überall ist zu lesen - auch der klu- ge Herr Netzer lässt sich darüber in "Bild am Sonntag" aus -, die Fans seien "zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Vereine geworden". Und damit eine Gefahr.

Die Liga boomt. 408 Millionen Euro, schreibt die "FAS", hätten "die Fans" in der vergangenen Saison "durch den Kauf von Eintrittskarten" in die Stadien getragen, weitere 82 Millionen für Souvenir-Artikel ausgegeben. Die Fans seien eine Macht - und neuerdings in Aufruhr.

Ist es nicht so, dass heute die Masse der zahlenden Stadionbesucher aus dem eher fußballfremden Event- und Partypublikum kommt? Die neuerdings anscheinend so gefährlichen Fans wurden lange nur als ökonomisch unwichtige, bestenfalls atmosphärisch notwendige Folklore-Truppe in den Stehblöcken geduldet. Mit Ignoranz gegenüber diesen Leuten sät man mehr Wind als der Torwartschnösel Lehmann, wenn er am Spielfeldrand den Kürzeren zieht.

Der Fußball erzeugt Nebenwirkungen, weil wir uns wie bei anderen Dingen vom Kern des Spiels entfernen. Deshalb schon wieder von der Verrohung der Gesellschaft zu sprechen ist läppisch. Die Entwicklung zu deuten erscheint gar nicht so kompliziert: Wenn sich 3000 aufgebrachte Fußballfans vor dem VfB-Stadion zur Randale versammeln, ist das ebenso das Ergebnis üblicher Internet- und Handy-Absprachen wie in Hannover die spontane Versammlung von 35 000 - womöglich aufrichtig - trauernder Menschen nach dem Tod des Tormanns Enke. Digital-Zeitalter.

Zorn empfinde ich eher, weil mir das Spiel versaut wird. Was soll ich von einem Boxkampf halten, wenn sich vor dem Kampf der Ringsprecher Michael Buffer als Marktschreier für die RTL-Keilerei der Pop-Kasper Dieter Bohlen und Bruce Darnell hergibt? Das ist so würdelos wie die Nachricht, Mercedes verpasse sich kurz vor Weihnachten mit Schumacher das neue Nussknacker-Profil der Formel 1.

Wie gesagt, es wird immer schwieriger, sich dem Spiel zu widmen.
 

Joe Bauer

14.12.2009 - aktualisiert: 14.12.2009 13:20 Uhr

 



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