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Joe Bauer in der Stadt

Der Mann aus dem Süden

Foto: dpa

Das Schwierigste für Geschichtenschreiber, haben mir Geschichtenschreiber erzählt, sei es, etwas über Weihnachten zu schreiben. Für mich ist Weihnachten, wenn mich einer im Auto mitnimmt, aus der Stadt hinaus auf die B 10, vorbei am Zelt des Weltweihnachtscircus. Es muss Nacht sein und klar, damit man den Neckar schimmern und die Lichterketten des Zirkuszelts leuchten sieht.Womöglich überkommen einen dann die "Gefühle, wo man schwer beschreiben kann", wie Herr Klinsmann sagte, als er uns sein "Sommermärchen" erzählte. Ich rede lieber von der Winterzeit, wo man glaubt, eine besseres Gefühl für Märchen zu haben, die einen wärmen.

Kaum war ich am Zirkus vorbeigefahren und zurück in der Stadt, griff ich mir Truman Capotes Erzählband "Baum der Nacht". Die Titelgeschichte hat mit dem Weihnachtsbaum nichts zu tun, auch wenn sie im Winter spielt: "Früher am Abend hatte es geregnet, und nun hingen Eiszapfen an der Dachrinne des Bahnhofsgebäudes, gleich schrecklichen Zähnen eines gläsernen Ungeheuers."

Die Geschichte "Baum der Nacht", die Herr Capote in jungen Jahren schrieb, ist nicht meine allergrößte Lieblingsgeschichte. Meine allergrößte heißt "Eine Flasche voll Silber". Sie erinnert mich an Magie und Zirkus, und sie bringt mich in die Gegend, wo wir zu Hause sind.

Die Erzählung spielt irgendwo im Süden der Vereinigten Staaten. Das Kaff im Buch, wo Mr. Ed Marshall seinen Drugstore Valhalla betreibt, heißt Wachata County. Eines Tages taucht Rufus McPherson in Wachata County auf, um einen weiteren Laden zu eröffnen. Mr. McPherson ist "ein Schurke", er installiert neumodische Einrichtungen wie Ventilatoren und nimmt Mr. Marshall die Kundschaft weg. Bald darauf trinkt Mr. Marshall mit Hamurabi, dem Ägypter, eine dickbauchige Weinflasche leer und lässt sie in der Bank mit Silberlingen füllen. Wer bei ihm für einen Vierteldollar einkauft, sagt Mr. Marshall, darf einen Tipp abgeben, wie viel Geld in der Flasche ist. Wer der Summe am nächsten ist, kriegt am Ende alle Silberlinge.

Dann kommen Appleseed (= Apfelkern) und seine Schwester Middy in die Stadt. Middy träumt davon, Schauspielerin zu werden, und Middy hat schiefe Zähne. Appleseed ist erst acht oder zwölf Jahre alt, und er sagt, eine Zauberin in Louisiana habe ihm erzählt, er sei mit "'ner Glückshaube aufm Kopf" geboren. Appleseed treibt einen Vierteldollar auf und nimmt an Mr. Marshalls Tippspiel teil.

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil ich überzeugt bin: Apfelkern ist einer von uns. Irgendwann nämlich berichtet er von seiner Familie: " . . . dann is' da Papa Daddy, das ist der Daddy von meiner Mama, der, wo von Franzosen abstammt und wo deshalb nich' gut Englisch kann. Mein Bruder, der, wo Fiedel spielt, der war schon dreimal im Gefängnis . . . Wegen dem ham wir auch weg müssen aus Louisiana. Der hat 'n Typ bös mit 'm Rasiermesser zugerichtet bei 'nem Streit um 'ne Frau, wo zehn Jahr' älter war als er."

Der Teufel soll mir eine Pechhaube aufsetzen, wenn Apfelkern, der, wo aus dem Süden kommt, nicht unsere verdammte Sprache spricht. Frau Ursula-Maria Mössner hat die Ausgabe, in der ich lese (Verlag Kein & Aber, Zürich), aus dem Amerikanischen übersetzt. Dank ihrer feinen Relativsatzkonstruktionen ("mein Bruder, der, wo Fiedel spielt") ist mir Appleseed vollends ans Herz gewachsen. Wir Südstaatler verstehen uns, wir lieben den Sumpf, habe ich zu Apfelkern gesagt, auch wenn ich nie ein Südstaaten-Kaff betreten habe.

In Deutschland werden wir als Deppen ausgelacht, als die Trottel, die, wo "die, wo" sagen - aber Mr. Capotes Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Mann, der auf den Groschen genau sagen kann, dass sich 77 Dollar und 35 Cent in der Weinflasche befinden, ist nämlich der, der wo "der, wo" sagt. Für das Geld wird Appleseed seiner krummzähnigen Schwester Middy ein Gebiss kaufen. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann ist sie heute Filmstar oder Zauberin im Weltweihnachtscircus.
 

Joe Bauer

15.12.2009 - aktualisiert: 15.12.2009 17:53 Uhr

 



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