Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.12.2009
Avatar 3D - Aufbruch nach Pandora
Der Traum von einem neuen Zeitalter
Die Zukunft des Kinos definieren - dieser Anspruch hat James Cameron begleitet beim ersten Spielfilm, den er seit "Titanic" (1997) gedreht hat. Manches ist ihm gelungen mit 300 Millionen Dollar. Er verschmilzt fast bruchlos virtuelle und physische Welt, digitale Bilder und Film, wie es noch nie zu sehen war; er setzt 3-D-Technik konsequent dramaturgisch ein, weitet den Blick bei Totalen und verengt ihn in intimen Situationen; und er hat erstmals Spiele-Entwickler ins Boot geholt, ohne dadurch den Film zu ruinieren.
Der entscheidende Kniff: "Avatar" spielt auf dem Planeten Pandora, wo rohstoffgierige Menschen auf naturverbundene Aliens treffen. Die riesenhaften Außeridischen sind humanoid genug, um mit ihnen fühlen zu können, ihre sehr fremde Welt aber ist so irritierend andersartig, dass das Unbehagen über die synthetischen digitalen Bilder dahinter nahezu aus dem Bewusstsein verschwindet.
Einen wild wuchernden Überfluss aus magisch anmutenden Pflanzen und vieläugigen, mit spitzen Zähnen bewehrten Tieren hat Cameron erfunden, sechsbeinige Pferde, drachenartige Flugechsen, phosphoreszierende Gewächse. Jedes Detail passt zum anderen, und schillernde Regenbogenfarben signalisieren, dass Pandora eine magische Welt ist - ein Gegenentwurf zu dem, was die menschliche Logik als Zivilisation begreift.
Die technischen Mittel dienen Cameron nur als Werkzeuge, um Grundsätzliches zu verhandeln. Irdische Geschäftemacher wollen Pandoras Bodenschätze ausbeuten, doch auf dem Hauptvorkommen leben die Na'vi und weichen nicht. Also schickt das Management Tauben los, zu erkunden und zu verhandeln - Forscher, die mit ihren Gedanken Avatare fernsteuern, im Labor gezüchtete, den Na'vi nachgebildete Ersatzkörper; im Hintergrund aber lauern die Falken darauf, das bis an die Zähne bewaffnete Militär von der Kette zu lassen.
Den Ausschlag wird einer geben, der dazwischensteht: Der querschnittsgelähmte Marine Sully, der wegen seines Erbguts als einziger den Avatar seines toten Bruders steuern kann. Anders als die intellektuellen Forscher hat er viel trainiert und Übersicht im Gelände, was ihm beim Jägervolk der Na'vi Respekt einbringt. Zugleich ist er ein gefühlloses Raubein, dem jedes Gespür für seine Umwelt abgeht. Die Häuptlingstochter Neytiri wirft ihm dies vor, als sie ihn vor Wölfen rettet und einige mit Pfeilen erlegen muss - die Na'vi leben nach der Maxime, unnötige Tode zu vermeiden, und verabschieden die Seele jedes erlegten Tieres mit einem Ritual.
Eine verstörende Parabel auf die menschliche Zerstörungswut
Sully wird lange brauchen und - Achtung, Videospiel! - rennen, klettern, springen und fallen lernen, ehe er diesen Respekt vor der Schöpfung versteht, die Kommunikation ohne Worte, den Glauben, dass alles Leben Teil eines großen Ganzen ist. Cameron hat seinem Naturvolk eine idealisierte Philosophie unterlegt und stellt brutal dagegen, wie der kapitalistisch organisierte Mensch tickt, wenn Bulldozer magisch glimmende Bäume zermalmen, die Teil eines kollektiven Gedächtnisses sind - eine verstörende Parabel auf menschliche Zerstörungswut.
"Die Investoren werden unruhig", hat der Manager (Giovanni Ribisi) gesagt, die Warnungen der engagierten Forscherin (Sigourney Weaver) ignorierend. Der grandiose Stephen Lang gibt den Prototyp des hirnlosen Befehlsempfängers, der für den Profit anderer die Heimat von Frauen und Kindern in Schutt und Asche legt. Dass Sam Worthington als Sully blass bleibt, ist ebenfalls konsequent - erst der Avatar eröffnet ihm ja Zugang zu neuem Bewusstsein.
Natürlich ist in Dramen vieles vorhersehbar; doch James Cameron versteht sich auf das Spiel mit Emotionen und lässt die Zuschauer das Vorhersehbare förmlich herbeisehnen - die Entscheidung des Helden, die Liebe, den Showdown. Für Überraschung sorgen reizvolle Tücken: Menschen brauchen auf Pandora Atemmasken, und wenn die Lenker der Avatare sich ausklinken, um zu essen und zu schlafen, bleiben ihre Ersatzkörper derweil leblos zurück.
Ja, dieser Film hat ein neues Zeitalter im Blick. Doch wenn die große digitale Neytiri den kleinen realen Worthington im Arm hält, ohne dass es seltsam wirkt, geht es um viel mehr als um technische Möglichkeiten.
Bernd Haasis
17.12.2009 - aktualisiert: 17.12.2009 10:29 Uhr