Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.12.2009
Wo die wilden Kerle wohnen
Auch die wildesten Kerle müssen mal weinen
Anfangs weint der wütende Max, am Ende der wütende Carol; von beiden sagt man, sie seien "außer Kontrolle", beide fühlen sich unverstanden. Und so verbindet den Jungen im Wolfskostüm und das haarige Monster für kurze Zeit eine fragile Freundschaft.
Regisseur Spike Jonze ("Being John Malkovich") und Autor Dave Eggers haben Maurice Sendaks berühmtes Kinderbuch zum vielschichtigen Drama geweitet. Max zeigt sich zunächst als wilder Einzelgänger, dem der Vater fehlt. "Füttere mich, Frau!", brüllt er im Wolfskostüm auf dem Küchentisch stehend seine Mutter an, um sie vor einem neuen Verehrer zu brüskieren.
Es kommt zum Eklat und Max träumt sich auf ein Segelschiff, dass ihn ins Land der "wild things" bringt, von denen im Film zwei keine Kerle sind, sondern weiblich. Durch Angeberei wird Max zu deren König gekrönt, was sich rächen wird; doch zunächst lässt er irre Bauten errichten und beraumt ein Kriegsspiel an, das schnell in rohe Gewalt eskaliert. Die monströsen Wesen wirken zunächst wie trotzige Kinder, entpuppen sich aber schnell als kindische Erwachsene, wie Max sie real erlebt. Die sanfte KW und der cholerische Carol haben Beziehungsstress, der gemütliche Ira haut wahllos Löcher in Bäume, die gefräßige, stichelnde Judith bezeichnet sich selbst als Miesmacherin, der intelligente Douglas ist ein Opportunist und sieht nur tatenlos zu, und dem zu klein geratenen Ziegenwesen Alexander hört grundsätzlich niemand zu.
Diese wilden Kreaturen sind schmerzhaft realistische Zerrbilder einer Gattung von Egoisten, die gelegentlich etwas erschafft, meistens aber zerstört oder verschlingt - so wie die Menschheit. In geschliffenen Dialogen führen sie das dadaistische Wesen irrationaler Alltagskommunikation vor, in all ihren psychologischen Spitzfindigkeiten - die Welt ist voller Missverständnisse. Und als Max wieder abreist, haben die Wilden nur eine Sorge: "Wirst du schlecht über uns reden, wenn du zu Hause bist?" Kinder kann da manches erschrecken, Erwachsene aber werden sich vielfach wiederfinden.
Max und die Monster sehen aus wie bei Sendak, und gegen den Trend - siehe "Avatar" - setzt Jonze auf Naturalismus: Die wilden Kreaturen sind wandelnde Fellkostüme, nur bei Mimik und Augen wurde digital nachgeholfen. Eingebettet in Wald und Wüste entsteht eine Abstraktion wie im Theater, die das Parabelhafte der Geschichte unterstreicht und beweist, wie ausdrucksstark analoges Kino nach wie vor sein kann.
Bernd Haasis
17.12.2009 - aktualisiert: 17.12.2009 10:54 Uhr