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Joe Bauer in der Stadt

WWC steht für Würde

Die Flieger der Artistentruppe Nordkorea im Weltweihnachtscircus
Foto: Kraufmann

Stuttgart - Es ist nicht kalt im Winterzelt. Im Zelt ist es auch warm, weil die Leute, die am Eingang, an der Sektbar oder an der Popcornbude arbeiten, freundlicher sind als die Menschen draußen in der Welt. Wir sind im Weltweihnachtscircus. Hier gibt es Höflichkeit und Stil.

Das ist die Sensation.Die Leute schimpfen über den Feiertagsstress. Weihnachten, sagen sie, "was für ein Zirkus". Sie kennen den Zirkus nicht. Neulich war der Politiker Mappus im Stadion, VfB gegen Hoffenheim, Mappus in der Firmenlounge von EnBW. In der ersten Halbzeit war er still, in der zweiten baute man eine Kamera auf und steckte ihm ein Mikro an. Da begann er zu schreien und so zu tun, als sei er ein Fußballfan, und als man ihn fragte, welcher Club der seine sei, sagte er: "1. FC Baden-Württemberg". Das ist Schmiere, politischer Marketingzirkus, keiner, der vom Leben handelt.

Der Weltweihnachtscircus auf dem Wasen leidet trotz seiner 120.000 Besucher ein wenig unter seinem Namen. Fünf Silben und zwanzig Buchstaben sind auch für eine große Marke fast zu viel. Aber die Verkürzung Weihnachtscircus käme der landläufigen Abneigung gegen den Feiertagszirkus zu nahe, und die Abkürzung WWC brächte dumme Kalauer hervor.

Dennoch ist WWC mein Logo des Triumphs, der Gegenpol zu http://www. Der Weltweihnachtscircus ist eine Chance, dem Internet, dem Computer eine Weile zu entkommen. WWC ist körperlich. Mit und ohne Netz. WWC relativiert die Dinge.

So was habe ich noch nie gesehen. Der Italiener Alessio, ein ehemaliger Stallbursche, lässt Papageien und Sonnensittiche über die Köpfe hinweg durchs Zirkuszelt fliegen. Wie göttlich bunte Dinos aus einem Fantasyfilm segeln sie mit Hochgeschwindigkeit. Elegant und erhaben schlagen sie die Flügel und landen, ferngesteuert vom Maestro, auf der Schulter einer Dame.

Ohne Furcht werde ich in dieser Nacht hinausgehen aus dem Zelt, den Neckar glucksen hören und wissen, dass Alfred Hitchcocks mordende Vögel nach ein paar Therapiestunden bei Alessio zu Friedenstauben und Kunstflugfalken würden.

Was ist da los in und über der Manege, wo nationale Schlagbäume so wenig bedeuten wie die Grenzen des Möglichen. Zu Besuch ist wieder mal der vielsprachige Willer Nicolodi. Guten Abend, Herr Bauchredner, Sie sind der Zirkus-Anarcho, der Entertainer der Ungezogenen. Ja, über Sie kann ich lachen, wenn Sie Ihre Mitarbeiter aus dem Publikum zum Affen machen.

Die Frauen und Männer der Truppe Nordkorea fliegen ohne Papageienflügel von der Russischen Schaukel Richtung Kuppel. Tsche Zoll heißt der Mann, der zwanzig Meter durch die Luft segelt, wie von Alessio trainiert. Fünf Meter weiter hat sich vor meinen Augen nur Miss Robin Valencia durchs Zelt katapultiert, als lebende Kanonenkugel, das war vor drei Jahren, noch heute denke ich mit Sehnsucht an Miss Valencia aus Amerika.

Der Zirkus hat sich verändert im Lauf der Jahre. Manegen-Regisseure, wie es sie früher nicht gab, verfeinern die Nummern mit klugen Lichtinszenierungen und tänzerischen Elementen. Jeder Artist, und sei es der künstlich zur kugelnden Wampe aufgeblasene Rhönrad-Clown Muraviev aus Moskau, bewegt sich, als hätte er seit jeher an der Ballettstange geübt.

Im Zirkus von heute gibt es keine Kunstpause, auch wenn mancher, den Blick auf den stoischen, langmähnigen König der Löwen auf dem Manegenthron gerichtet, glauben mag, die Zeit sei hier stehen geblieben. Moderner Zirkus ist Motorik pur. Die Show läuft und läuft. Gott sei Dank spielen oben, über dem roten Vorhang und den Sternenketten, noch leibhaftige Musiker, nicht mehr so gut ausgelastet wie früher, weil viele Soundtracks aus der Konserve kommen. Aber ich schaue dem Dirigenten zu, wie er lauernd die Löwen beobachtet, ehe er zum Angriff des Trommlers winkt.

Der Weltweihnachtscircus ist der Ort der Demut, der Arbeit und der Würde. Weltläufig elegant verblüffen vermeintlich für den Kitsch geschaffene Körperkünstler nicht weniger als der Schweizer Jongleur Kris Kremo; er tänzelt wie ein Bohemien aus einem alten französischen Film.

Nicht alle Helden konnte ich erwähnen. Macht nichts. Das Ganze ist Magie - und WWC voller Klarheit und Präzision. Unbegreiflich. (Für alle Vorstellungen gibt es noch Karten an der Zirkuskasse.)
 

Joe Bauer

23.12.2009 - aktualisiert: 23.12.2009 11:37 Uhr

 



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