Stuttgart - Morgens war ich am Bahnhof, der Christbaum leuchtete. Am südlichen Ende der Halle sieht man die Schriftzüge "Bistro 21" (blau), "TurmForum Stuttgart 21" (rot) und "Das neue Herz Europas" (rot). Eingerahmt ist dieses Arrangement von Bierwerbung: "Ganz schön frisch hier oben" (Dinkelacker), "'erschder klasse" (Schwaben Bräu). Unten in der Eingangshalle hängt immer noch das Riesenposter "Unser schönstes Geschenk" von der Decke, gemeint ist das Milliardending Stuttgart 21.Es weihnachtet.
Menschen gehen zum Zug, sie finden sich, und bald, das verspreche ich Ihnen, gibt es Krach. Die Tunnel für die Tierferlegung der Stuttgarter Geschichte sind noch nicht gegraben, da geht ein Riss durch Familien, Freundschaften, Liebesbeziehungen. Der Streit um Stuttgart 21 hat die Bevölkerung gespalten. Es ist der Krieg in den Köpfen. Es herrscht emotionaler Bürgerkrieg. Schwarzweiß-Denken treibt Keile zwischen Menschen, die gestern noch vernünftig waren. Die Lage eskaliert. Es ist wie im Krieg der Religionen. Am Morgen noch gute Nachbarn, am Abend Feinde fürs Leben.
Habe ich nicht neulich eine Freundin angebrüllt, sie möge mir mit ihrem Tübinger Angeber-OB und seiner Bahnhofsrede gestohlen bleiben? Ich könne diesen grünen Vogel nicht leiden, er sei ein aufgeblasener Provinzkarrierist. Der Abend war versaut.
Habe ich mir nicht kürzlich mit einem Gesinnungsgenossen eine E-Mail-Schlacht geliefert, weil er gesagt hatte, ich sei ein gottverdammter Umfaller? Vermutlich war ich wieder nicht richtig dagegen. Man kann nämlich auch falsch dagegen sein.
Wenig später hat mir ein anderer Komplize gemailt, die Zeitung, bei der ich arbeite, manipuliere Leserumfragen. Ich habe gefragt, ob er auch glaube, der CIA sei hinter ihm her. Beinahe hätten wir uns gegenseitig in den Sack gehauen. Im Bürgerhospital sind noch Gummizellen frei.
Die Stimmung ist vergiftet, jeder arbeitet daran, so gut er kann. Neulich, bei der Verleihung des Stihl-Preises für regionale Verdienste an den Komiker Harald Schmidt, inszenierten die Veranstalter eine Stuttgart-21-Show. Sie forderten die Gäste auf, die Anhänger der Pro-Ecke so zu emotionalisieren, wie es der Anti-Ecke längst gelungen sei. Ein Gast gab deshalb einen Zischlaut von sich. Prompt glaubte er, die Zähne einer Stihl-Säge im Gesicht zu spüren. Es waren nur Blicke, Symptome des Kriegs in den Köpfen.
Ich begann die Krankheit ernst zu nehmen und bat um professionelle Hilfe. Herr Dr. Wulf Bertram hatte Zeit für mich. Er ist Arzt, Psychiater und Buchautor; er leitet den Stuttgarter Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften.
Guten Morgen, Herr Bertram, sage ich, gibt es ein Verständigungsproblem, das zum Krieg in den Köpfen führt? Er denkt kurz nach und sagt: Ja, das gibt es, Grund ist die Spezialisierung. Früher zum Beispiel, sagt er, da hat es den Hausarzt gegeben. Der besuchte den Patientien und fand Zeit, mit ihm über Körper und Seele zu reden. Eines Tages hatte der Patient Darmkrebs, die Seele litt, aber der Hausarzt sagte: Dafür bin ich nicht mehr zuständig. Sie müssen jetzt zum Psychiater.
Und früher, sagt Herr Bertram, gab es den Politiker, und der Politiker sprach zum Bürger. Heute spricht der Politiker nicht mehr mit dem Bürger. Er engagiert dafür Werbefritzen und Marketingtrupps.
Aha, sage ich: Politiker, oben nicht ganz dinkelackerfrisch, haben jahrelang Stuttgart 21 ohne Stuttgarter geplant. Ein Gespräch fand nicht statt. Als die Sache geplant war, bezahlte man eine Werbeagentur, um den Stuttgartern ein Produkt namens Stuttgart 21 zu verkaufen.
Die Methode Werbekampagne, sagt Herr Bertram, schafft Misstrauen. Der Bürger sagt sich: Werber sind doch die, die einem etwas anderes verkaufen, als sie sagen. Die einem Bullshit unterjubeln: Dingsbums wäscht nicht nur sauber, sondern rein.
Stuttgart 21 ist kein Loch. Stuttgart 21 ist ein Herz.
Ist das Misstrauen erst einmal da, sagt Herr Bertram, sieht der Misstrauische nur noch Dinge, die seinen Verdacht erhärten. Unterdessen pumpt der Politiker Millionen in seine Werbeagentur, um dem Misstrauischen sein Produkt gewaltsam anzudrehen. Geredet wird nicht.
Der Misstrauische fühlt sich betrogen. Der Politiker schickt ihm eine Plaudertante, sie heißt "Mister Stuttgart 21". Vor der Plaudertante hat der Misstrauische weniger Respekt als vor dem Weihnachtsmann. Der Politiker tapeziert die Stadt mit Werbung zu. Diese Sprachlosigkeit nennt er Kommunikation. Unsere Kommunikationsexperten heißen Schuster, Oettinger. Der Bürger möchte schreien. So entsteht Paronia. Es folgt der Krieg in den Köpfen.
Vielen Dank, Herr Doktor, frohe Weihnachten, verehrte Leserinnen und Leser. Bleiben Sie in der Spur, ich muss zur Bahn.