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Artikel aus der Kornwestheimer Zeitung vom 24.12.2009

 

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Warum die Salatsoße süß und die Freude über Bosniaken groß war

Kornwestheim Die in Kornwestheim aufgewachsene Journalistin Hilke Lorenz hat in ihrem neuen Buch "Heimat aus dem Koffer" Vertriebene zu Wort kommen lassen. Von Melanie Braun
 

Dass die Salatsoße früher bei ihr zu Hause süß war und nicht sauer wie bei den Familien ihrer Freunde und dass es sonntags statt zu den Verwandten irgendwo in der Nähe in die Wilhelma ging, ist Hilke Lorenz als Kind durchaus aufgefallen. Schlimm fand sie das allerdings nicht - und hat deshalb auch nicht weiter darüber nachgedacht, warum das so war. Genausowenig hat sie darüber gegrübelt, warum ihre Mutter sich so sehr darüber freute, dass eine Kornwestheimer Bäckerei Bosniaken, spezielle Roggenbrötchen, im Angebot hatte. Erst viel später erfuhr sie, dass das Gebäck eine Leckerei aus der Kindheit der Mutter war - und die Eltern im Zuge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat Schlesien vertrieben worden waren. Und dass deshalb bei ihr zu Hause einiges anders war.



"Ich musste erst älter und milder werden, um zu begreifen, was die Vertreibung für meine Eltern und die Vertreter ihrer Generation bedeutet hat", erzählt Hilke Lorenz. Erst dabei habe sie erkannt, inwiefern auch sie, also die nächste Generation, von diesen Erfahrungen geprägt sei. Inzwischen hat sie mit vielen Menschen gesprochen, die selbst oder deren Eltern Vertreibung und Flucht erlebt haben. Und sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie diese Menschen zu Wort kommen lässt. "Heimat aus dem Koffer" heißt das in diesem Jahr erschienene Werk, es ist nach "Kriegskinder" (2003) und "Weiterleben, als sei nichts gewesen" (2005) das dritte Buch der Redakteurin der Stuttgarter Zeitung.



Die Entscheidung, sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen, beschreibt Hilke Lorenz nicht als eine bewusste. Schließlich war für sie klar, dass Kornwestheim ihre Heimat - oder zumindest ihr Bezugspunkt - ist: "Das ist der Ort, in dem ich sozialisiert wurde und die wichtigsten Erfahrungen gemacht habe", sagt die 47-Jährige. Ihre Eltern und einige Freunde leben immer noch hier, und morgens holt sie sich jeden Tag den Kornwestheim-Teil der Zeitung hervor, um zu schauen, was in der Stadt passiert. Zunächst hat Lorenz sich daher gar nicht so sehr für die Herkunft ihrer Familie interessiert, sondern irgendwann angefangen, sich mit Dritte-Welt-Themen zu beschäftigen. "Auch da ging es um Gewalt, Vertreibung und Heimatverlust, alles Themen, die mit Krieg zu tun haben", erklärt die Kornwestheimerin. Dennoch habe sie nie die Querverbindung zu ihren Eltern gezogen, die ja ganz ähnliches erlebt hatten.



Erst mit den Jugoslawien-Kriegen in den 90er-Jahren habe sich das geändert: Die Bilder der blutigen Konflikte im Fernsehen hätten bei vielen Kriegskindern die Erinnerungen an frühere, verdrängte Traumata wieder wachgerufen, erklärt die Autorin. Zur Zeit des Balkankonflikts seien viele von ihnen in Rente gegangen und hatten dann Zeit, sich mit den Kriegsbildern zu beschäftigen.



"Die Generation hat nie über ihre Erfahrungen geredet", sagt Lorenz. Zunächst sei es nach dem Krieg vor allem um das Vorwärtsschauen und die Teilhabe am Wirtschaftswunder gegangen. Zudem habe beim Thema Vertreibung stets die Befürchtung der Politik im Raum gestanden, die Betroffenen wollten das Erlebte aufrechnen und forderten Rückzahlungen. Mit ihrem Buch will Lorenz "die politisch aufgeladene Diskussion aufbrechen" und den Vertriebenen Gelegenheit geben, ihre Geschichte zu erzählen - ganz ohne Aufrechnungen. Denn an der Vehemenz, mit der das Thema regelmäßig hochkoche, sei zu erkennen, "dass Deutschland immer noch kein Verhältnis zu diesem Abschnitt der Geschichte entwickelt hat".



Als sie vor Jahren einen Zeitungsartikel über Vertriebene schrieb, die inzwischen im Pflegeheim leben, seien die Reaktionen "bombastisch" gewesen. Das war der Anfang ihres Autorendaseins. Immer mehr Betroffene seien auf sie zugekommen, um ihre Geschichte zu erzählen - eine Auswahl davon ist in ihrem neuen Buch nachzulesen. Das erste Kapitel widmet sich ihrer eigenen Kindheit - einer glücklichen, wie sie betont. Der Name ihrer Heimatstadt, Kornwestheim, taucht jedoch nicht auf: "Das ist nicht relevant fürs Thema, es hätte in jeder anderen schwäbischen Kleinstadt genauso sein können", erklärt die Autorin.



Die anderen Betroffenen, die in ihrem Buch zu Wort kommen, verorten sich jedoch durchaus: Da ist Eva Bentjen aus Uschpirden im Memelland, die nach der Flucht im holsteinischen Tackersdorf ein neues Leben anfängt und durch immer wiederkehrende Erzählungen über die verlorene Heimat die Erinnerungen wachhält. Aber auch ihre Tochter Ulrike Winkler wird zitiert, der die Erzählungen der Mutter peinlich sind. Charlotte Iden dagegen hat immer wieder erfahren müssen, dass der Flüchtlingsstatus an ihr haften bleibt - und ihre Vergangenheit daraufhin jahrelang verdrängt. Lorenz beschreibt die Schicksale verschiedenster Menschen, die alle eins gemeinsam haben: die Erfahrung von Flucht und Vertreibung. Auch die zweite, manchmal gar die dritte Generation kommt in dem Buch zu Wort. Und dem Leser wird klar, was für ein tiefer Einschnitt diese Erfahrung ist, selbst noch für die nachfolgenden Generationen - wenn diese das auch manchmal vorerst nur daran bemerken, dass die Salatsoße süß statt wie bei den anderen sauer ist.
 

24.12.2009 - aktualisiert: 24.12.2009 06:05 Uhr

 

 




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