Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.12.2009
Soul Kitchen
Zuflucht für Seelen
Es ist der Traum von einem kleinen Stückchen Heimat in der urbanen Unübersichtlichkeit: Ein improvisiertes Restaurant mit Bar und Musik in einer ausrangierten Fabrikhalle, in der eine bunte Szene speist, trinkt, tanzt und bis zum Morgen feiert. In Fatih Akins jüngstem Film heißt dieser Ort "Soul Kitchen", und dort findet nicht nur die Musik eine Zuflucht, sondern auch manche verlorene Seele.
Zinos heißt der Wirt des Lokals, und Akin hat ihn mit Adam Bousdoukos, dem Hauptdarsteller seines ersten Films "Kurz und schmerzlos", ideal besetzt - nicht nur weil Bousdoukos tatsächlich neun Jahre lang eine Taverne betrieben hat, sondern weil man ihn einfach mögen muss, wie er als hoffnungslos romantischer Chaot von einer Katastrophe in die nächste stolpert. Nicht nur, dass seine Freundin aus gutem Hause nach China entschwindet, auch erweisen sich die unsteten Individualisten, die er zu Freunden hat, als keine große Hilfe. Außerdem machen diverse Ämter Druck, und ein Immobilienhai sucht das Grundstück an sich zu reißen.
Mit einem wunderbaren Ensemble hat Akin die Halle in Wilhelmsburg zum Leben erweckt. Moritz Bleibtreu als Zinos' Bruder Ilias steht der Schmalspurganove schon in den betont unterkühlten Gesichtsausdruck geschrieben, der über dem Goldkettchen aus den Nadelstreifen ragt, Birol Ünel als übersensible Kochkunst-Diva signalisiert schon in der Art, wie er das Messer hält, dass die geringste Missachtung genügt, um ihn zum Explodieren zu bringen. Anna Bederke als Kellnerin gibt das abgebrühte Großstadt-Cowgirl, das schon alles gesehen hat, und Dorka Gryllus den rettenden Engel mit einem Sinn für handfestere Therapien.
Die Geschichte bleibt flüchtig wie ihre Protagonisten und droht sich zwischendurch zu verlieren, doch multikulturell geprägter hanseatischer Mutterwitz, ungewöhnliche Stadtansichten und ein liebevoll ausgesuchter Soundtrack halten den Film zusammen. "Soul Kitchen" ist Fatih Akins Liebeserklärung an seine Heimatstadt Hamburg und deren verlorene Orte, an die Soul-Musik und "La Paloma", an die Kiez-Freaks und das unwägbare Dasein selbst.
Bernd Haasis
28.12.2009 - aktualisiert: 28.12.2009 11:07 Uhr