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Fatih Akin

"Ich hatte die Nase voll vom Schweren"

Fatih Akin
Foto: dpa

Stuttgart - Nachdem Fatih Akin in den Dramen "Gegen die Wand" (2004) und "Auf der anderen Seite" (2007) seine türkischen Wurzeln erforscht hat, ist ihm in "Soul Kitchen" eine Hamburg-Komödie mit viel Lokalkolorit gelungen - ein zeitgemäßer Heimatfilm übers Leben und Lebenlassen.

Herr Akin, "Soul Kitchen" ist Ihr leichtester Film seit langem...

Ich hatte ein bisschen die Nase voll von schweren Filmen, und ich meine immer, was ich sage. Bei "Gegen die Wand" war ich wütend, bei "Auf der anderen Seite" melancholisch. Jetzt war die Zeit für qualifizierten Quatsch, mal das Fenster aufzumachen und Luft reinzulassen. Wenn meine Filme Platten wären, wäre "Soul Kitchen" mein Best-of-Album. Mit allen Schauspielern habe ich schon mal gearbeitet, und viele Szenen verweisen auf frühere. In "Gegen die Wand" verbrennt der Vater Bilder seiner Tochter, hier verbrennt Zinos nach der Trennung von Nadine China-Bücher. Manches, auf das ich früher keinen Einfluss hatte, konnte ich auch korrigieren. Man kann doch nicht wie in "Solino" ein italienisches Restaurant zeigen, und es wird nicht einmal gekocht! Das konnte ich jetzt wieder gutmachen.

Sie haben mit einem Hamburger Heimatfilm beim internationalen Filmfestival in Venedig den Spezialpreis der Jury bekommen. Hat Sie das überrascht?

Allerdings. Ich dachte, jenseits von Stade würde das schon nicht mehr nicht funktionieren, weil es zu lokalpatriotisch ist. Aber die Phänomene, von denen wir erzählen, scheint es überall zu geben.

Zum Beispiel die Gentrifizierung, die Aufhübschung und Verteuerung angesagter Viertel, gegen die Hamburger Künstler jüngst heftig protestiert haben?

Mir ging es darum, wie wir im Film mit dem Phänomen Großstadt umgehen, mit urbanen Kontexten, Subkultur, Veränderungen auch von Charakteren im dramaturgischen Sinne. Es gibt ja eine Symbiose zwischen Menschen und Stadtteilen. Wir haben bewusst Orte und Objekte ausgewählt und konserviert. Vieles davon, wie der Mojo-Club, ist nun abgerissen. Anderes ist zum Abriss freigegeben oder gerade gerettet worden durch die Initiative der Künstler. In meiner Straße war der weltbeste Plattenladen, unten ein Café, im ersten Stock Platten, im zweiten Bücher. Jetzt ist er weg, weil das Viertel so schick geworden ist und er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Dafür ist nun eine Kaffeekette drin. Eigentlich handelt der Film davon.

Hatten Sie andere Hamburg-Filme im Kopf?

Eine Idee war schon, dem Hamburg-Genre Tribut zu zollen. Von den Typen und vom Wortwitz her sehe ich mich in der Tradition von Klaus Lemkes "Rocker", was den visuellen Umgang mit einer Stadt angeht, hat mich Hark Bohms "Nordsee ist Mordsee" inspiriert und auch Wim Wenders' "Der amerikanische Freund". Er hat die Stadt so fotografiert, dass ich beim Anschauen stolz auf sie bin. Ich beziehe mich aber auch auf "Große Freiheit 36" mit Hans Albers, den man zur Hälfte in Osteuropa drehen musste, weil Hamburg gerade ausgebombt wurde 1944. Goebbels hat den Film dann verboten, weil Rotlicht und Alkoholismus nicht in sein Deutschlandbild gepasst haben.

Ihr Film handelt auch von Vagabunden, von Typen, die sich treiben lassen.

Ich bin sozialisiert worden von und mit solchen Typen, den Kiezianern. Hamburg ist ja eine Hafenstadt, auch wenn der Hafen fast nur noch ein Relikt ist. Aber die Idee lebt: Ich gehe zur See, erlebe Abenteuer, habe in jedem Hafen ein Mädel, komme zurück in die Heimat - dieses Klischee, dieser Folklorismus liegt mir schon, da gibt es eine Prägung. In einer frühen Fassung des Drehbuchs war Zinos Seemann, ein Smutje, der auf einem Schiff kocht und dann wegen eines Mädels an Land geblieben ist. Das war mir dann aber doch zu folkloristisch.

Und "La Paloma" nicht?

Für uns Hamburger ist das das Hamburg-Klischee schlechthin, deshalb musste es rein. Angeblich gibt es 2000 Versionen. Ich habe eine CD-Box mit acht Scheiben durchgehört und mir die besten ausgesucht. Es ist ein Lied für Abschiede - wenn Nadine nach China geht, dann singt dazu Hans Albers.

Und wieso eigentlich Soul?

Es ist der Sound dieser Stadt, es gibt hier die besten Soul-DJs und -Clubs. Ich habe aber nicht einfach den Film mit meiner Lieblingsmusik zugekleistert, sondern mich sehr intensiv damit beschäftigt. Und dann hat mir Klaus Maeck geholfen, mein Partner bei meiner Produktionsfirma Corazón International. Er ist ja von Haus aus Musikverleger und Manager, unter anderem der Einstürzenden Neubauten.

Ein Titel ist "Creator Has A Master Plan" - hat der Schöpfer einen Plan?

In meiner Spiritualität auf jeden Fall. Ich glaube an Schicksal, mehr als an Zufall. Ich glaube an einen Schöpfer und auch, dass er einen Masterplan hat. Diese Hoffnung braucht jemand wie ich, der relativ labil ist, um nicht durchzudrehen auf diesem verrückten Planeten. Es muss etwas geben, was auch immer es ist, einen Er oder eine Sie, Chi oder die Sonne.

Sie spielen Ihrer Hauptfigur Zinos übel mit - bis hin zum Bandscheibenvorfall.

Wenn die Figur unter Druck ist, bleibt die Geschichte in Bewegung. Ich hatte eine Grundsatzdiskussion mit der Crew, die gesagt hat: Das ist doch gar nicht lustig! Aber bei Wikipedia steht: Eine Komödie ist ein Drama mit positivem Ausgang. Wir amüsieren uns über die Tragödie des Helden. Bei Chaplin lachen wir ja auch, wenn er ausrutscht oder am Abgrund Rollschuh fährt.

Sie sind nicht in die Schweiz gefahren wegen der Minarett-Verbots. Sie haben ein Zeichen gesetzt, sich aber auch der Chance zur Auseinandersetzung beraubt.

Hätte ich meinen Film weiter vermarktet, als wäre nichts gewesen, und nebenbei etwas zu Minaretten gesagt, wäre ich mir verlogen vorgekommen. Ich wollte einen Schock erwirken, den aufgeklärten, nicht reaktionären Leuten dort vermitteln: Ihr habt ein Problem, und wenn ihr das nicht löst, seid ihr isoliert! Das sollen die mal schön unter sich ausmachen. Es ist deren Bürgerkrieg.

Wie schon in früheren Filmen zeigen Sie auch in "Soul Kitchen" eine Gesellschaft, in der Deutsche aller erdenklichen Herkunft miteinander umgehen. Ist das Ihre Utopie?

Das ist meine Realität. Vorgänge wie in der Schweiz sind Reaktionen auf die kulturelle Seite der Globalisierung, die vielen Menschen Angst macht. Diese Angst wird ausgenutzt und bewusst gestreut durch Propaganda. Als Humanist fühle ich mich verpflichtet, dagegen anzugehen. Dabei geht es gar nicht darum, ob ich Moslem bin oder nicht. Wenn die beschlossen hätten, dass christliche Kirchen keine Türme mehr haben dürfen, hätte ich genauso gehandelt. Es widerspricht dem aufgeklärten europäischen Geist, auf demokratischem Weg etwas Undemokratisches durchzusetzen.

"Soul Kitchen" (ab 12) läuft in Stuttgart in den Kinos Delphi und EM
 

Bernd Haasis

29.12.2009 - aktualisiert: 28.12.2009 18:09 Uhr

 



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