Dieser Tage hat mir eine ältere Dame gemailt, womit ich nicht sagen will, die Tage zuvor hätten mir jüngere Damen gemailt. Die ältere Dame schrieb mir, sie sei meiner Meinung.Es spielt keine Rolle, worüber wir einer Meinung sind. Kurz vor Jahresende ist es wichtig, dass wir zusammenhalten.
Die ältere Dame schrieb: "Ich darf meine Meinung nicht überall laut sagen, sonst werden meine Freunde ratzfatz weniger, ohne vorher das Zeitliche zu segnen."
Was für ein Satz. Aus Sympathie zu der älteren Dame wünsche ich allen Freunden, dass sie tot umfallen, bevor sie das Zeitliche segnen. Am besten ratzfatz noch in diesem Jahr, damit das neue besser wird.
Wir erwarten keine übliche Jahreswende. Es werden an Silvester mehr Menschen das Zeitliche segnen als sonst, weil ein Jahrzehnt zu Ende geht und deshalb zehnmal mehr geschossen wird. Nur noch wenige können sich an Silvester 2000 erinnern. Viele von uns sind gefallen, als das Jahrtausend das Zeitliche segnete. Über die Innenstadt fegte damals ein Fäkalien-Tsunami herein, wie man ihn nie zuvor erlebt hatte. Unsere üblichen Event-Chefs hatten auf dem Schlossplatz ein großes Vergnügungsfest für die Menschen aus der Stadt und dem Land organisiert. Leider vergaßen sie, dass der moderne Partymensch sich hin und wieder entleeren muss, bevor er das Zeitliche segnet.
Bäume, Büsche und Lichtmasten auf dem Schlossplatz reichten nicht aus, um uns befreiten Schrittes ins neue Jahrtausend zu lenken. Ratzfatz herrschte Chaos in der City. Es setzte Prügel, und mancher hatte großes Glück, nicht schon vor Mitternacht das Zeitliche gesegnet zu haben.
Am Neujahrstag schrieb ich in mein Tagebuch: "Mitten im Schlag- und Bombenhagel ist das neue Jahrtausend in Stuttgart angekommen. Das neue Jahrtausend tat so, als sei es nicht getroffen worden. Aber wenig später hielt es sich schmerzverzerrt den Sack."
Jeder wusste, dass es auf dem Schlossplatz nicht nur dem neuen Jahr so gegangen war. Aber man schwieg. Vor zehn Jahren war es nicht so einfach wie heute, seine Meinung zu sagen. Damals gab es keine Gleichstellungsstelle und keine ältere Dame, die ihre soziale Stellung ohne Rücksicht auf ihre ungleiche Geschlechtszugehörigkeit für mich riskiert hätte.
Viele Stellungen waren vor zehn Jahren noch gleicher angelegt als heute, und mancher Mann fühlte sich, wenn es drauf ankam, wie ein Gehenkter: steif, aber tot.
Dann, an Silvester, mussten Männer unter freiem Himmel nach ihrem treuesten Partner greifen, Männer, die es zuvor nicht gewagt hatten, unter der eigenen Dusche zu pinkeln. Ältere Damen in ihren Pelzen waren mutiger. Ein Polizeiaufgebot versuchte, die Lage vor der Stadtreinigung zu bereinigen. Aber es war dunkel, und bis heute kam nicht alles ans Licht. Es gab Verletzte, über die nie geredet wurde, bald darauf kam es zu Scheidungen, die man unter den Teppich kehrte, und noch mehr Freunde verschwanden, ohne sich vorher mit ihrem Ableben zu entschuldigen. So begann das Jahrtausend in dieser Stadt mit einer Katastrophe. Allein die Männer der Mobilklo-Industrie rieben sich die Hände, die sie sich selbst nicht schmutzig machten.
Ich will nicht glauben, dass zehn Jahre vergangen sind, seit uns das neue Jahrtausend einen Scherbenhaufen bescherte. Viel hat sich nicht geändert in der Stadt. Die Leute am Schlossplatz finden noch immer keine Toilette, nicht einmal an Tagen, an denen kein Silvester ist. Gut, dass dieses Jahrzehnt das Zeitliche segnet, bevor wir alten Säcke ratzfatz weniger werden.