Es war einer meiner Sonntage, die wie alle anderen Sonntage im Wald beginnen. Wenn es Winter ist und kalt, begegnet man im Wald nur Hündinnen und Hunden mit Herrinnen. Ich lief über den Schattenring die Seufzerallee hinauf nach Vaihingen, und mir fiel ein, wie mir ein Mann in der Badeanstalt erzählt hatte, im GourmetGeschäft sei vor Silvester der Kaviar ausgegangen. An Silvester, habe ich gesagt, sei ich noch nie ausgegangen. Ich habe Angst, gegen die Kaviarfresser am Büfett schon allein körperlich den Kürzeren zu ziehen. Das liegt an einem Handicap, das mich davon abhalten wird, die kommenden Tage etwas zu tun. Der Arzt hat mir befohlen, die Tipperei auf Computern einzustellen. Freuen Sie sich nicht zu früh: Es war nicht der Psychiater, es war der Orthopäde.Ich schätze, die Zeit des Nichtstuns werde ich überbrücken, zumal die Kaviarbestände wieder aufgefüllt sein dürften: Die FDP kommt in die Stadt. Westerwelle & Konsorten werden unser schönes Opernhaus belagern. Womöglich gehört es nicht hierher, aber bevor ich es vergesse: Eine ehemalige Grünen-Politikerin hat unlängst gesagt, die Grünen von heute seien nichts anderes als eine FDP mit Fahrrad.
Über die FDP hat sie leider nichts gesagt. Alles, was man über die FDP sagen kann, sagt seit Wochen Birgit Homburger, eine Leitfigur aus Singen am Hohentwiel. Als Rednerin klingt Frau Homburger so betörend wie eine schwäbelnde Fahrradklingel, wenn auch nicht so druckvoll wie Westerwelle als liberale Luftpumpe.
Im Internet findet man seit kurzem Anstecker mit der Aufschrift "Gays against Guido" ("Schwule gegen Guido"). Das habe ich in der neuesten Ausgabe eines Hochglanzmagazins gelesen, das mir als Rollfeld für meine Computermaus dient. Auf diesem Weg ging mein rechter Tipparm vor die Hunde, und ich weiß auch, warum: Ärzte wählen FDP.
Die turboliberalen Grünen, das FDP-Fahrrad und der Untergang der Medizin sind Dinge, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich die Seufzerallee hinauflaufe. Vor Jahren schon habe ich mir angewöhnt, mich für schwarze Gedanken selbst zu bestrafen. Wenn mir Kaviar und Homburger im Magen liegen, fahre ich zur Buße sofort nach Stammheim. Das tat ich auch am ersten Sonntag des Jahres. Es ist eine anstrengende Reise in Stuttgarts berühmtesten Stadtteil, seit man die Linie 15 von den alten Straßenbahn- auf die modernen Stadtbahngleise verlegt. In Zuffenhausen ist die Stadtbahnfahrt zu Ende, dann muss man in den Rumpelbus umsteigen.
Wer sich emotional & erotisch auf die bevorstehenden Erdbeben in Stuttgart 21 einstimmen will, der werfe während der Bustour durch Zuffenhausens zentrale Unterländerstraße einen Blick auf die Trauben-Apotheke: Vor dem schönen alten Haus hat man ein so gewaltiges Loch aufgerissen, dass man Angst bekommt, das alte Zuffenhausen könnte darin verschwinden, bevor der Tunnel fertig ist. Alle Baustellen sehen tödlich aus, seit es Ground Zero gibt.
Die Propaganda-Abteilung von Stuttgart 21 hat trotzdem schon wieder ein neues supergroßes Poster an die Decke der Eingangshalle des Hauptbahnhofs gehängt: "Jetzt geht's los. Stuttgart 21 kommt. Zug um Zug." Diese Art Wortspiele kann man nicht mehr hören, sie sind so originell wie der allerorten plakatierte SWR-1-Kalauer: "Der Frühling kommt. Die Stones werden rollig." Unter Kreisklassekomikern nennt man so was radiotisch.
An der Endstation stieg ich aus dem Bus und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Stammheimer Gefängnis. Man findet dort kaum noch politische Banditen, seit die FDP so großen Zulauf hat. Vor dem Knasttor bog ich links ab und ging den Weg an dem rostigen Stacheldrahtzaun entlang. Auf der anderen Seite, im freien Sektor, musterte ich gerade die rostigen Teppichstangen vor den ockerfarbenen Wohnblocks mit ihren braunen Fensterläden, als mir ein junger Mann entgegenkam.
Er schien vom Winterhimmel ins weite Stammheimer Nichts gefallen zu sein. Sein Gesicht war unrasiert, seine Jacke zerschlissen und braun, als habe sie lange an einer rostigen Wäschestange gehangen. Seine Sporttasche war zu groß für einen, der auf Besuch ins Gefängnis geht. Ich sah, wie er zur Pforte ging und mit Papieren hantierte. Lange musste er in der Kälte warten. Vollzug kann dauern, wenn die FDP regiert. Nach einer Weile stellte der Mann seine Sporttasche ab und zündete sich eine Zigarette an. Kumpel, dachte ich, dieser Sonntag ist nicht dein Kaviar-Tag. Dann ging ich zurück zum Bus. Ich fror wie ein Hund.
Joe Bauers erste Leseshow 2010 findet am Mittwoch, 24. Februar, im Theater Rampe statt. Musikergäste sind Los Santos (mit Stefan Hiss) und Dacia Bridges. Karten: 6 20 09 09 16. www.flaneursalon.de